Главная Aufbruch nach Utopia: Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971 (German Edition)

Aufbruch nach Utopia: Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971 (German Edition)

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Год:
2011
Издательство:
Bookwire GmbH
Язык:
german
ISBN:
B006X647MC
Файл:
EPUB, 499 KB
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Ключевые слова

 
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The Quantum Mystery (Kindle Single)

Sprache:
english
Datei:
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Stefan Wolle





Aufbruch nach Utopia


Alltag und Herrschaft

in der DDR 1961–1971





Ch. Links Verlag, Berlin





Editorischer Hinweis

Im gesamten Buch wird durchgehend die neue Rechtschreibung verwendet, auch die Zitate werden entsprechend angepasst.

Auslassungen sind mit … gekennzeichnet.





Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.



1. Auflage 2012 (entspricht der 1. Druck-Auflage von 2011)

© Christoph Links Verlag GmbH

Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0

www.christoph-links-verlag.de; mail@christoph-links-verlag.de

Umschlaggestaltung: KahaneDesign, Berlin unter Verwendung eines Fotos

vom Entwurf des Innenwandgemäldes von José Renau »Der sozialistische

Mensch unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution«

aus dem Jahr 1969, das für das Wissenschaftliche Informations- und

Bildungszentrum in Berlin-Wuhlheide vorgesehen war, jedoch nicht verwirklicht

wurde

eISBN: 978-3-86284-115-8





Inhalt

Prolog: Das Zeitalter der großen Erwartungen

Erster Teil: Zerrissene Zeit

Berlin vor dem Mauerbau

Die neue Klasse

Ein verregneter Sommer

Zweiter Teil: Mauerbau

Klappe zu, Affe tot

Leben mit der Mauer

Ruhe und Ordnung

Dritter Teil: Unsere Welt von morgen

Flug zu den Sternen

Die Eröffnung des kosmischen Weltalters

Licht aus dem Osten

Stalinismus ohne Stalin

Der Feind

Vierter Teil: Laborversuch Sozialismus

Die Sorgen und die Macht

Wirtschaftsreformen

Die wissenschaftlich-technische Revolution

Die sozialistische Stadt als Plan und Wirklichkeit

Fünfter Teil: Die neue Gesellschaft

Das entwickelte System des Sozialismus

Die Hausherren von morgen

Die Liebe in den Zeiten der Diktatur

Sechster Teil: Wandel ohne Annäherung

Entspannungspolitik

Kalter Krieg

Vietnam

Siebenter Teil: Produktivkraft Kunst

Kunst und Revolution

Der Bitterfelder Weg

Ein Hauch aus Prag

Achter Teil: Spiegelbilder

P; rometheus

Faust und Mephisto

Kafka

Neunter Teil: Reform und Beharrung

Kahlschlag

Wissenschaft im Umbruch

Sozialistische Hochschulreform

Zehnter Teil: Das Jahr der unruhigen Sonne

Weltrevolution der Studenten

Die APO und die SED

Keine Opposition, nirgends?

Elfter Teil: Der Frühling war es wert

Aufbruch in Prag

Der Einmarsch

Gleichgültigkeit und Empörung

Zwölfter Teil: Aufbruch in die Stagnation

Nachtfrost

Kampf gegen die schleichende Konterrevolution

Das Ende der Ära Ulbricht

Epilog: Abschied von Utopia

Anhang

Anmerkungen

Personenregister





Prolog Das Zeitalter der großen Erwartungen



Das zerbrochene Glas


Der italienische Schriftsteller Umberto Eco unternimmt in seinem Roman »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« ein faszinierendes Gedankenexperiment. Er lässt einen Mann im Krankenhaus aus dem Koma erwachen. Wie Eco selbst, ist sein literarisches alter ego ungefähr sechzig Jahre alt, Inhaber eines gutgehenden Antiquariats, seit dreißig Jahren verheiratet, Vater von zwei Töchtern und mehrfacher Großvater. Doch an nichts aus seinem konkreten Leben kann er sich erinnern. Er weiß, wann Napoleon gestorben ist, kennt den Lehrsatz des Pythagoras und eine erstaunliche Menge von Zitaten aus der gesamten Weltliteratur. Doch sein eigener Name ist ihm so fremd wie die freundliche Signora, die ihm als seine Gattin vorgestellt wird. Sein Arzt klärt ihn darüber auf, dass es zwei Arten von Erinnerung gäbe: »Die eine ist das, was man heute gern das semantische Gedächtnis nennt, ein öffentliches Gedächtnis, kraft dessen man weiß, dass eine Schwalbe ein Vogel ist und dass die Vögel fliegen und Federn haben.«1 Die zweite Art ist das autobiographische oder episodische Gedächtnis. Der Professor sucht nach einem einfachen Beispiel und fragt den Rekonvaleszenten nach dem Namen seiner Mutter. Natürlich konnte dieser sich nicht erinnern. Er wusste zwar, dass jeder Mensch eine Mutter hat, aber er konnte sich an die eigene nicht erinnern.

Der Romanheld wird aus dem Krankenhaus entlassen, lernt seine Wohnung kennen, geht wieder in seinen Buchladen und trifft alte Bekannte. Er findet sich im Leben gut zurecht, doch seine episodische Erinnerung bleibt stumm. Auf Anraten seiner Frau fährt er auf ein vom Großvater ererbtes Landgut. Die alte Haushälterin erzählt ihm Einzelheiten aus seiner Kindheit. In einer zugemauerten Kapelle findet er Berge von gebündelten Zeitungen, illustrierten Zeitschriften, Comic-Heften, Kinderbüchern, Schulaufsätzen, Zigarettenbildern, bebilderte Teedosen, Schallplatten und Reste einer Briefmarkensammlung. Aus diesen Erinnerungsstücken beginnt er, seine Biographie zu rekonstruieren. Er liest die Elogen auf Mussolini, die er selbst als Schuljunge geschrieben hat, vertieft sich in die Abenteuerromane seiner Jugend, blättert in den alten Comics und hört auf dem altersschwachen Grammophon die Schnulzen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Er fragt sich, ob er die patriotischen Phrasen der Schulbücher geglaubt hat. Für einen mit hochtrabenden Redensarten gespickten Schulaufsatz hat er sogar einen Preis bekommen. Der Zehnjährige schildert es als seinen größten Wunsch, für den Sieg des faschistischen Italien zu sterben. Was von alledem war Phrase und was echter Glaube? In alten Zeitungen vertieft er sich in die Kriegspropaganda jener Jahre, die angesichts der militärischen Katastrophe den Endsieg beschwor. Aus fünfzig Jahren Distanz ist das überdeutlich, doch konnte der Schuljunge von damals bereits zwischen den Zeilen lesen? Hat er wie sein Großvater die italienischen Sendungen der BBC gehört, die regelmäßig über die wahre Kriegslage berichteten? Schließlich stößt er auf einen Aufsatz, der in verschlüsselter Form das Zerbrechen des Glaubens an den Duce beschreibt.

Der damalige Schüler, und hier erzählt Eco ganz offenbar ein Stück der eigenen Biographie, schreibt in einem »Erlebnisaufsatz«, seine Mutter hätte ihm ein Glas gekauft, dass als unzerbrechlich angepriesen worden war. »Das war für mich wie ein Zauberwort«, schreibt Ecos Alter Ego.2 Eines Tages kommen Bekannte zu Besuch. Er holt das Glas aus der Küche und verkündete im Ton eines Zirkuskünstlers: »Ich präsentierte Ihnen ein ganz spezielles, unzerbrechliches, magisches Glas. Ich werde es jetzt auf den Boden werfen, und Sie werden sehen, dass es nicht zerbricht.«3 Er wirft das Glas zu Boden, und es zerspringt in tausend Stücke. Das Kind in der Erzählung starrt entgeistert auf die Scherben und beginnt zu weinen.

»Es war eine der ersten Geschichten«, schreibt Ecos literarischer Doppelgänger, »die wirklich von mir waren, nicht die Wiederholung angelesener Klischees und auch nicht die Beschwörung irgendwelcher schöner Abenteuerromane. … In jenen Scherben, die trügerisch im Schein des Kronleuchters wie Perlen schimmerten, zelebrierte ich als Elfjähriger mein Vanitas vanitatum und bekannte mich zu einem kosmischen Pessimismus. Ich war der Erzähler eines Scheiterns geworden … Ich war auf existentielle Weise, wenn auch ironisch bitter geworden, radikal skeptisch.«4

Ecos Romanfigur findet während ihrer Spurensuche in der Bilder- und Sprachwelt den Keim für ihr inneres Aufbegehren gegen die faschistische Erziehung. So entsteht die kollektive Biographie der Kriegsgeneration. Der Zeichentheoretiker Eco entziffert die Geheimschrift der kleinen Dinge, die verborgenen Botschaften der Zigarettenbilder, Filmplakate, Schlagertexte, Comic-Figuren, Romanhelden, Nachschlagewerke und Schulbücher. Die Zeitreise in die Vergangenheit wird zur Decodierung eines Systems verborgener Zeichen. Seine Jugendliebe Lila Saba taucht im Gedächtnis auf. Einmal nur hatte er mit ihr gesprochen. Er hatte vor ihrem Haus auf sie gewartet, und als sie endlich auftauchte, bekam er nur die Frage über die Lippen, ob hier ein gemeinsamer Schulkamerad wohne. Sie hatte kühl und sachlich geantwortet: »Nein.« Kurze Zeit später verließ sie mit ihren Eltern die Stadt, und der Romanheld hat sie nie wiedergesehen.

Eco bringt sein Romanexperiment zu Ende, indem er seinen Helden einen neuerlichen Gehirnschlag erleiden lässt, der ihm das episodische Gedächtnis zurückgibt. Es beginnt ein bunter Reigen von Traumbildern und Erinnerungssplittern. Die Gestalt seiner Jugendliebe Lila Saba verbindet sich nun mit der Königin Loana aus einem eigentlich »saublöden« Kinderbuch, wie es Eco selbst nennt. Doch während der Suche nach der Erinnerung hatte ihn immer wieder ein geheimnisvoller heiliger Schauer ergriffen, wenn von jener Königin die Rede war. Ihre Gestalt vermischt sich mit jenem Mädchen Lila Saba, mit dem er nur wenige Worte gewechselt hat. Der Erzähler begreift, dass er in allen Abenteuern seines Lebens, in allen Frauen und in allen Büchern immer nur jene erste Liebe gesucht hat.

Vertiefen wir uns also in die Zeichensysteme der sechziger Jahre zwischen dem Mauerbau vom 13. August 1961 und dem tragischen Ende des Prager Frühlings am 21. August 1968 und dessen Nachklängen. Versuchen wir die Bilder zu decodieren, das episodische Gedächtnis anhand von Dokumenten zu verifizieren, die vielfach gelöschten und überschriebenen Texte wie auf einem mittelalterlichen Pergament durch die Infrarotstrahlen der kritischen Analyse wieder lesbar zu machen.



Ein Sieg im Friedenskampf


Wie jeden Morgen plärrten auch am 13. August 1961 die Lautsprecher durch das Pionierferienlager »M. I. Kalinin« am Frauensee: Kampflieder der Arbeiterklasse, Schlagermusik, Durchsagen der Lagerleitung und im stündlichen Rhythmus die Nachrichten des Demokratischen Rundfunks, wie sich die Sender der DDR damals selbst nannten. Das ewige Dröhnen der Tonanlage gehörte zum Lagerleben wie die Kiefern, der märkische Sand und der Badesee. Für einen Zehnjährigen waren es an diesem Morgen die gleichen Parolen wie immer. Bonner Ultras … Sicherung des Friedens … Spionagezentrale West-Berlin … Schutz der Republik. Doch die Erwachsenen wirkten nervös. Irgendetwas war passiert. Sie standen in Gruppen herum. Einige versuchten aufgeregt, mit Berlin zu telefonieren. Damals schrie man bei Ferngesprächen noch ins Telefon: »Fräulein, verbinden Sie mich mit …«. Doch die Leitungen waren offenbar hoffnungslos überlastet. Eine der Erzieherinnen, ein hübsches junges Mädchen, heulte laut und hemmungslos. Die anderen redeten auf sie ein, vermochten sie aber nicht zu beruhigen. Irgendwen würde sie nun nicht mehr besuchen können, jammerte sie, waren es ihre Eltern oder ihr Freund?

Dann wurde zum sonntäglichen Fahnenappell getrommelt. Alle traten gruppenweise auf dem Appellplatz an. Es erfolgte die Meldung: »Lagerfreundschaft ›M. I. Kalinin‹ vollzählig angetreten.« »Für Frieden und Völkerfreundschaft! Seid bereit!«, rief der Freundschaftsratsvorsitzende zackig. »Immer bereit!«, tönte es im Chor zurück. Alle hoben zum Pioniergruß die angewinkelte Rechte über den Kopf. Auf das Kommando »Heißt Flagge!« stieg eine blaue Fahne mit dem Pionier-Emblem am weißen Fahnenmast hoch. Dann trat der Lagerleiter nach vorn. Auch er war keineswegs in Jubelstimmung. Doch er erklärte, warum es eine bittere Notwendigkeit gewesen sei, die Staatsgrenze der Republik zu sichern. Jugendliche aus der DDR seien verleitet worden, in West-Berlin krumme Geschäfte zu betreiben. In den Grenzkinos würden sie sich Wildwestfilme anschauen. Durch diese primitive Verherrlichung der Gewalt würden sie verroht werden. Manche von ihnen seien in der französischen Fremdenlegion gelandet, um in Algerien ihre Haut zu Markte zu tragen. Schieber und Spekulanten hätten die Läden im Demokratischen Sektor leergekauft und dadurch Unzufriedenheit gestiftet. Grenzgänger hätten im Westsektor gearbeitet und ihr Geld eins zu vier umgetauscht, aber gleichzeitig von den billigen Mieten, den kostenfreien Gesundheitseinrichtungen und niedrigen Lebensmittelpreisen im Osten profitiert. Die Regierung der DDR sei mit ihrer Geduld am Ende. Vorläufig sei West-Berlin gesperrt, erklärte der Lagerleiter. Sollten doch die Schieber, Wechselstubenbesitzer und Menschenhändler unter sich bleiben. Im Grunde sei es vollkommen normal, dass jeder Staat selbst entscheidet, wie er seine Grenzen zu schützen gedenke. Die Rechte der Westalliierten wären von den Maßnahmen der DDR nicht berührt. Übrigens würden sie ja recht gelassen reagieren. Sie sollten sich von dem Frontstadthetzer Willy Brandt nicht verrückt machen lassen.

Auch die Lagerleitung demonstrierte Gelassenheit. Der Tagesablauf im Pionierferienlager würde wie üblich seinen Gang nehmen. Einigen besorgten Eltern, die angerufen hatten, sei gesagt worden, es gäbe hier immer noch genug zu Essen, alle Teilnehmer des Durchgangs wären wohlauf, und auch das Wetter verspräche nun allmählich besser zu werden. Fröhliches Gelächter. Wegtreten zum Baden. Die heile Welt der Diktatur war wieder in Ordnung.

Ganz wie bei Umberto Ecos Romanfigur erfolgt die Schilderung der Wortwahl natürlich aus der Retrospektive. Was der Zehnjährige gedacht und empfunden hat, muss spekulativ bleiben.

Beim Blättern im »Neuen Deutschland« vom August 1961 fand ich nach einem halben Jahrhundert eine Erklärung für die Bemerkung des Lagerleiters. Vier Tage zuvor war der Oberbürgermeister von Groß-Berlin – wie sich der Ostsektor formell nannte – Friedrich Ebert zu einem Kurzbesuch im Ferienlager am Frauensee gewesen. Aus dem Artikel »Zu Gast bei Ferienkindern« erschließen sich einige Zusammenhänge. Das Zeltlager wurde vom Werk für Fernsehelektronik (WF) Berlin-Oberschönweide als Betriebsferienlager geführt. In den 103 Zelten verbrachten im zweiten Durchgang 687 Kinder mit ihren 209 Erziehern, Helfern und Betriebsangestellten ihre Ferientage. »Aber von den vielen Kindern sind längst nicht alle zu sehen«, berichtet das Zentralorgan. »In Arbeitsgruppen hat sie der Sonnenschein in die idyllische Umgebung gelockt.«5 Weiter schreibt das »Neue Deutschland«, dass sich im Zeltlager auch französische Kinder aus Paris befinden würden. »Es ist inzwischen Mittag geworden. An über 30 langen Tischen sitzen Kinder in dem modernen Speiseraum. Jedes hat eine lange Bratwurst auf dem Teller. Dazu gibt es Kartoffeln, Kraut und Obst. ›Werdet ihr alle satt, und schmeckt euch das Lageressen?‹, fragt der Oberbürgermeister. ›Ja‹ ist die Antwort. Und als sie hören, dass die West-Berliner Zeitung ›Der Tag‹ am Mittwoch geschrieben hat, ihr Lager am Frauensee sei wegen Versorgungsschwierigkeiten geschlossen worden, da lachen selbst die Kleinsten mit. ›Das ist ja wieder mal eine schöne Ente‹, ruft ein Mädel laut dazwischen.«6

Tatsächlich hatte »Der Tag« am 9. August 1961 unter der Überschrift »Zone schließt Ferienlager« gemeldet, dass einige Pionierlager in der Umgebung Berlins wegen »der mangelhaften Lebensmittelversorgung und der schlechten ärztlichen Betreuung« schließen würden.7 Die Zeitung berief sich auf den SPD-Pressedienst. Im Osten war man über jede Falschmeldung dieser Art hellauf begeistert und spießte sie als sogenannte Ente auf. Die RIAS-Ente war zur vielgebrauchten Propagandafloskel geworden. Der Begriff wandelte sich sogar von der Sachbezeichnung zur Personenbezeichnung. Wohl einige Monate nach den hochsommerlichen Ereignissen, jedenfalls mitten im Schuljahr, wurden wir angehalten, Kinder, deren Eltern sich zu unterschreiben geweigert hatten, keine Westsender zu empfangen, mit dem Sprechchor: »Rias-Enten … Rias-Enten!« förmlich aus der Schule zu jagen. Wenigstens wurde dies geduldet, oder noch vorsichtiger ausgedrückt, das Rudel handelte im Glauben einer wohlwollenden Duldung durch die Leitwölfe. Wieder stellt sich die Frage von Umberto Ecos fiktivem Alter Ego: Was hat der Zehnjährige dabei empfunden? Das wohlige Gefühl der Eintracht mit der Autorität, die Freude, Schwächere zu demütigen? Oder war irgendwo der Keim eines Widerspruchs gelegt?

Zurück ins Pionierlager am Frauensee: Auch die Erinnerung an den hohen Besuch aus Berlin ist, wenn er denn überhaupt in dieser Form stattgefunden hat, vollkommen verschwunden. Verdächtig scheint die Mitteilung, es hätte Kartoffeln gegeben. Tatsächlich war die Kartoffelkrise dramatisch, wovon noch die Rede sein wird. Allein die französischen Kinder sind mir im Gedächtnis geblieben. Es hieß, sie seien von der kommunistischen Kinderorganisation in die DDR zur Erholung geschickt worden. Die kleinen Franzosen, die wohl etwas älter als wir waren, wurden natürlich von allen deutschen Kindern angehimmelt. Einer von ihnen konnte auf der Gitarre klimpern und dazu Chansons singen. Ich hätte ihm so gerne etwas geschenkt und durchwühlte meine Habseligkeiten, bis ich irgendeine Winzigkeit fand. Ich überreichte sie ihm mangels französischer Sprachkenntnisse wortlos. Er lachte ebenso wortlos, aber freundlich, vielleicht in bisschen ironisch, dann hob er die geballte Faust zum kommunistischen Gruß. Diese Geste kannte der Zehnjährige nur aus Filmen. Sie war in der DDR vollkommen ungebräuchlich und hinterließ das Gefühl einer heimlichen Übereinstimmung mit einer großen und schönen Sache.



»Davon leben wir!«


Einige Tage nach dem 13. August 1961 wurde im Kinozelt des Ferienlagers der 1960 gedrehte DEFA-Spielfilm »Fünf Patronenhülsen« gezeigt. Während des Spanischen Bürgerkrieges schlägt sich ein Trupp versprengter Interbrigadisten hinter den Linien der Faschisten zu den eigenen Leuten durch. Sie haben den Befehl, eine wichtige Botschaft zu überbringen. Der Kommandeur hatte sterbend die Nachricht in fünf Teile zerrissen und auf fünf Patronenhülsen verteilt, die er mit einem kräftigen Biss verschloss. Jeder der Männer trägt nun einen Schnipsel der Botschaft mit sich. Die Gruppe wird von den Faschisten erbarmungslos gejagt. Die Franco-Söldner bewachen alle Wasserstellen. Von Hitze und Durst geplagt, eingekesselt und zur Übergabe aufgefordert, wirft den Interbrigadisten ein falangistischer Legionär einen Beutel mit Apfelsinen und anderen Köstlichkeiten über die Gefechtslinie. Dazu legen Sie einen Zettel, auf dem steht: »So leben wir. Seid nicht blöd! Kommt zu uns!« Doch die Helden der Internationalen Brigade lassen sich nicht korrumpieren. Sie stopfen ein Büschel trockenes Gras in den Beutel, schreiben auf den Zettel: »Davon leben wir. Trotzdem kommen wir nicht.« Dann schmeißen sie den Beutel zurück über die Linie. Der Film endet heroisch. Nachdem sich vier der Versprengten zu den republikanischen Truppen durchgeschlagen haben, fügt der Kommandeur die Fragmente des Zettels zusammen. Die Botschaft lautet: »Bleibt zusammen, dann werdet ihr leben.«

Am nächsten Tag fand die Auswertung des Films mit dem Geschichtslehrer statt. Dieser erklärte anhand der Szene, in der die Helden das Anerbieten des Feindes stolz ablehnen, dass der Kampf für den Frieden wichtiger sei als nahtlose Nylonstrümpfe, die tatsächlich damals nur im Westen zu bekommen waren. Genau wie die Spanienkämpfer würden auch unsere Grenzsoldaten Beutel mit Bananen und Apfelsinen über die Mauer zurückwerfen. Der Topos von der Versuchung ist aus der christlichen Hagiographie und Ikonographie als Temptatio wohlbekannt. So wie der Heilige Antonius gegenüber lockender Weiblichkeit, Schlemmerei, geistigem Hochmut und anderen Gaukeleien des Bösen standhaft bleibt, so warfen auch die Helden am Schutzwall Westzigaretten, Südfrüchte oder Süßigkeiten zurück. In einer Szene des 1967 gedrehten Episodenfilms der DEFA »Geschichten jener Nacht«, über den noch zu reden sein wird, gibt es eine solche Versuchungsszene. Ein West-Berliner Rowdy wirft den Männern der Kampfgruppe, die den Mauerbau beaufsichtigen, eine Schachtel Westzigaretten vor die Füße. So eine Packung Nato-Lullen – wie man damals sagte – war nicht zu verachten. Der Kommandeur der Kampfgruppeneinheit, der von Erwin Geschonneck verkörperte Große Willi, hebt die Zigaretten auf. Darauf verstummt der Krakeel der Achtgroschenjungen, wie die Ostpropaganda protestierende West-Berliner gern bezeichnete. Auch unter den Bauarbeitern und Kämpfern auf der östlichen Seite herrscht nun gespannte Aufmerksamkeit. Der Große Willi lässt sich einen Stein und eine Maurerkelle reichen, drückt die NATO-Lullen in den Mörtel, streicht mit seiner Kelle darüber und legt einen schweren Mauerstein darauf. Die Symbolik des Bildes will sagen: Die Mauer ist nicht aus Steinen erbaut, sondern aus hehren Idealen und großen Gefühlen.

Die Agenten, Schieber, Wechselstubenbesitzer und Grenzkinobetreiber hatten am 13. August 1961 eins auf die Pfoten bekommen. Gut so! Die Bonner Kriegstreiber und Frontstadthetzer, wie Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß und Willy Brandt, die sich in den Karikaturen der Ostpresse kaum von Adolf Hitler und seinen Spießgesellen unterschieden, waren in ihre Grenzen gewiesen worden. Bravo! Nur wer sich von Comics, Schmökern und Wildwestfilmen den Kopf hat verdrehen lassen, konnte darüber jammern. Der Rückkehr der Junker und Konzernherren musste ein Riegel vorgeschoben werden.

So ähnlich hatte es wohl auch mein Vater erklärt. Einige Tage vor dem 13. August 1961 hatten wir an dem auf das Pflaster gemalten Strich am Brandenburger Tor gestanden. Der Autoverkehr flutete ungehindert durch das Tor, Spaziergänger nutzten den Sommertag zu einem Gang in den Tiergarten. Doch für einen pflichtbewussten Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED und seine Familie galt der Grundsatz: Bis hierher und keinen Schritt weiter. Selbst die Fahrt mit der S-Bahn durch die Westsektoren nach Potsdam war den hauptamtlichen Parteimitarbeitern untersagt. Brav nahmen wir bei Familienausflügen nach Sanssouci den von Karlshorst um West-Berlin herumfahrenden »Sputnik«, der vor dem 13. August 1961 noch gähnend leer war. In den Köpfen der SED-Funktionäre spukte immer noch der Geist des illegalen Kampfes. Ihre Namen standen auf höhere Weisung nicht im Telefonbuch, und die Telefonnummer sollte nicht weitergegeben werden. Sogar den Kindern war eingeschärft worden, sie hätten sich am Telefon mit »Hallo« zu melden, nicht mit dem Familiennamen. Am Gartentor sollte kein Türschild sein, und ursprünglich war es sogar untersagt worden, an Staatsfeiertagen die Fahne aus dem Fenster zu hängen. Das allerdings führte zu Nachfragen der zuständigen Wohnparteiorganisationen der SED, die für die Beflaggung zuständig war. So wurde die widersinnige Weisung stillschweigend ignoriert. Der geistige Bürgerkrieg in Deutschland hatte im Alltag seltsame Auswirkungen.



Immer wieder im August


Sieben Jahre nach dem bewegten Sonntag im Pionierferienlager »M. I. Kalinin« schien sich das hochsommerliche Szenario zu wiederholen. Wieder lag ein schwüler und verregneter August über dem Land. Auch die Weltpolitik hatte sich nach den Turbulenzen der ersten Jahreshälfte scheinbar in die Sommerpause verabschiedet. Da wurde die Ferienidylle von dramatischen Rundfunkmeldungen zerrissen.

Mich weckte am Morgen des 21. August 1968 die Stimme des Nachrichtensprechers aus der Nachbarwohnung. Die Armeen des Warschauer Paktes waren in die Tschechoslowakei eingefallen. Die ersten Meldungen klangen verwirrend. Im DDR-Rundfunk wurde ein endloses Kommuniqué verlesen, in dem behauptet wurde, eine Gruppe tschechoslowakischer Kommunisten hätten die Bruderstaaten gegen die einheimische Konterrevolution zu Hilfe gerufen. In den Westsendern war die Rede von sowjetischen Panzern in Prag, von Schüssen vor dem Rundfunkgebäude, von Todesopfern und Aufrufen an die Bevölkerung, die Ruhe zu bewahren. Die Meldungen aus Ost und West erweckten den Eindruck, dass auch Kampfeinheiten der Nationalen Volksarmee auf dem Territorium der Tschechoslowakei operieren würden. Das war dreißig Jahre nach dem Münchener Abkommen für viele ältere Deutsche ein Schock.

Seit den Morgenstunden des 21. August 1968 hagelte es Proteste aus aller Welt. Es waren nicht die westlichen Staatsmänner, deren Wort in diesem Zusammenhang Gewicht hatte, obwohl auch sie irgendwann ihre Protestnoten einreichten. Von ihnen erwartete niemand etwas anderes als Krokodilstränen über das Scheitern des demokratischen Sozialismus. Auch die martialischen Sprüche aus Peking hatten einen eher exotischen Reiz. Es waren linke Persönlichkeiten, bekannte Schriftsteller aus Ost und West und vor allem die großen kommunistischen Parteien Europas, die sich von der Gewalttat des Sowjetblocks mehr oder weniger deutlich distanzierten. Die Fronten des Kalten Krieges waren gründlich durcheinandergeraten.

Auf der ganzen Welt hatte die Linke das tschechoslowakische Experiment begrüßt. Die orthodoxen Betonkommunisten waren in die Defensive geraten. Auch in der DDR hatten seit dem Januar 1968 viele Menschen die Entwicklungen sehr aufmerksam verfolgt, teils skeptisch, teils hoffnungsfroh. Es mag eine schweigende Mehrheit gegeben haben, die schon immer gewusst hatte, dass Sozialismus ohne Unterdrückung der Freiheit nicht möglich wäre. Doch diese Mehrheit schwieg so tief und konsequent, dass sie kaum noch wahrnehmbar war. Sie hatte sich innerlich aus der Geschichte verabschiedet und wartete nun auf bessere Zeiten.

Gerade unter jungen Menschen, Studenten und Intellektuellen überwog die Sympathie für die Prager Reformkommunisten. Diese Zustimmung war nicht unbedingt von großen Theorien gespeist, sondern weit mehr von einer elementaren Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Luft zum Atmen. Endlich öffnete sich das Fenster wenigstens einen Spaltbreit, und es wehte ein leiser Hauch von Freiheit durch die Stickluft des Mauerstaates. Am 21. August 1968 wurde dieses Fenster zugeschlagen. An jenem Tag flossen viele Tränen. Immer wieder stößt man in Erzählungen auf diese einfache und schlichte Reaktion. Es war der Tag der Wut und Trauer über die Unbelehrbarkeit der Regierenden. Für viele war es auch ein Tag der Angst. Bei älteren Leuten wurden böse Erinnerungen wach, als sie die Sondermeldungen im Radio hörten. In der Küche stand meine Großmutter über das Abwaschbecken gebeugt und weinte still vor sich hin. »Immer wenn die Ernte vom Halm ist, gibt es Krieg«, schluchzte sie. Zweimal hatte sie es so erlebt, im August 1914 und im September 1939. Der 13. August 1961 war insofern präsent, als dass die Eltern damals überstürzt aus der Hohen Tatra zurückkehren mussten, um ihrer Partei in der Stunde der Gefahr zur Seite zu stehen. Auch am frühen Vormittag des 21. August 1968 waren sie bereits auf ihrem Posten. Doch in den folgenden Tagen offenbarte sich ein elementarer Unterschied. Angesichts der Sicherung der Staatsgrenze am 13. August 1961 herrschte eine finstere Entschlossenheit. Wollten sie die DDR retten – und das wollten sie –, war Härte angesagt. In der ewigen Klassenschlacht zwischen Proletariat und Bourgeoisie hatte es eine neue Runde gegeben, und das Proletariat hatte diesmal gesiegt. So einfach war das. Sieben Jahre später dominierte eine seltsame Trauer. Selbst wenn die militärische Intervention in der Tschechoslowakei als politische Notwendigkeit akzeptiert wurde, so wussten sie doch, dass der Gegner nicht der Imperialismus war, sondern ihr Unvermögen, einen menschlichen und wirtschaftlich erfolgreichen Sozialismus aufzubauen. Die Panzer rollten nicht gegen den Feind, sondern gegen die eigenen Ideale.



In Prag starb der Sozialismus


Das bleibende Grunderlebnis jenes Tages ist der groteske Widerspruch zwischen der inneren Aufgeregtheit und der äußeren Ruhe. Größere Menschenansammlungen gab es an diesem Tag nur an den Badestränden. Das Leben ging seinen Gang. Die Stadt lag träge im Dunst des schwülen Sommertages. Am Nachmittag zogen Gewitterwolken auf, und Regenschauer kündigten sich an. Einer jener riesigen Panoramabusse aus West-Berlin, die man während der Reisezeit stets sah, fuhr im Schritttempo durch das Stadtzentrum. Neugierige Touristen starrten durch die grünlich getönten Scheiben auf die matten Lebenszeichen im Ostsektor. Sicherlich hatten auch sie morgens in ihrem West-Berliner Hotel die Rundfunkmeldungen gehört. Doch warum sollten sie deswegen die bereits gebuchte Busfahrt durch die Hauptstadt der DDR absagen?

Auch in dem legendären »espresso« an der großen Kreuzung, die hier von der Prachtmeile Unter den Linden und der Friedrichstraße gebildet wurde, herrschte hochsommerliche Leere. Während des Semesters ging es in dem Kaffeehaus zu wie im Taubenschlag. Das Ambiente war eher einfach, das kulinarische Angebot selbst für DDR-Verhältnisse bescheiden, doch hier im Zigarettendunst war der Weltgeist zu Hause. Am Schnittpunkt aller Wege zwischen Humboldt-Universität, Staatsbibliothek, den Akademieinstituten und den großen Buchhandlungen gelegen, führte kaum ein Weg an der Kaffeestube vorbei. Wie man Jahrzehnte später in den Akten lesen konnte, beobachtete auch die Stasi das »Objekt Linde« genau. Sehr gern führten die Kämpfer an der unsichtbaren Front hier ihre konspirativen Treffen mit Inoffiziellen Mitarbeitern durch. Vielleicht verlieh das ihrer Tätigkeit das Flair von Agentenfilmen. Auch Westbesucher aus der linken Szene kamen gern hierher, um zufällig oder gezielt Gesprächspartner zu treffen. Sie erzählten mit leuchtenden Augen von ihrer Revolte gegen das Establishment. Einige hatten sogar im Pariser Quartier Latin auf der Barrikade gestanden. Sie wirkten wie Kinder, die aufgeregt von ihren Erlebnissen auf dem Spielplatz erzählten. Allein die grünen Parkas, die verwaschenen Bluejeans, die langen Haare und die kreisrunden Nickelbrillen, der gnadenlos intellektuelle Sprachgestus, die vielen unverständlichen Wörter, die Respektlosigkeit gegenüber allen Autoritäten – all das reichte, um die Gäste aus dem fremden Sonnensystem mit einer Aura von Weltläufigkeit zu umhüllen. Von der DDR hielten sie genau wie wir nicht viel. Doch erklärten sie uns oft: »Historisch gesehen, seid ihr schon einen Schritt weiter. Ihr müsst weiter vorangehen und eine neue Gesellschaft aufbauen, ohne ökonomische Zwänge und Ausbeutung, demokratisch, menschlich, freiheitlich. Dann haben die Reaktionäre auch bei uns verspielt.« Ich weiß noch, dass ich es damals versprochen habe. Heimlich dachte ich: »Eines Tages werden wir euch die Show stehlen. Die eigentliche Schlacht wird im Osten geschlagen werden – in Prag, Budapest, Warschau und eben bei uns.« Es gibt die Auffassung, ohne die Pariser Kaffeehäuser hätte die Französische Revolution niemals stattgefunden. Das mag übertrieben sein, doch sicher überliefert ist, dass am 14. Juli 1789 der bekannte Redakteur Camille Desmoulins auf einen Tisch eines Cafés kletterte und mit pathetischen Worten zu den Waffen rief. Einige Stunden später fiel die Bastille. So hat sich das der Siebzehnjährige auch für das »espresso« vorgestellt.

Am späten Vormittag des 21. August 1968 hatte sich niemand von den westlichen Revolutionshelden hierhin verirrt. Sicherlich waren sie noch in den Semesterferien, irgendwo zwischen Portugal und Griechenland oder sonst wo auf der Welt. Im Kaffeehaus war nicht viel los. Der Lyriker Hermann K. saß einsam und traurig an einem der Tische. Sonst war er von nicht zu bremsender Sprachgewalt. Oft saß er hier umgeben von Jüngern, die den Berichten lauschten, wie die Stasi die Veröffentlichung seiner philosophischen und literarischen Werke hintertrieben hat. Seine Schmähreden gegen Partei und Staat glichen elementaren Naturereignissen. An jenem Tag war er still und in sich gekehrt. »Aus Trauer um den Sozialismus trinke ich heute meinen Kaffee schwarz«, meinte er melancholisch und rührte verzweifelt in der trüben Brühe, die hier als Kaffee ausgeschenkt wurde. Nichts wäre ihm so abwegig erschienen wie der Gedanke, irgendwo Protest anzumelden, Briefe an die Obrigkeit zu schreiben oder Zettel zu verteilen. Den Glauben an irgendeine Veränderung der Verhältnisse hatte er längst aufgegeben.

So zog der Siebzehnjährige weiter durch die sommerlich träge Stadt. In den Hinterhöfen des Prenzlauer Bergs hatte sich die stickige Schwüle verfangen. Misstrauisch schauten die alten Leute, die hier wie jeden Tag am Fensterbrett lehnten, dem fremden Besucher hinterher. Waren vor mir schon andere Besucher da gewesen? Hatten jene allgemein bekannten auffällig-unauffälligen jungen Männer hier bereits vor der Haustür gestanden, um das Kommen und Gehen zu registrieren? Die Wohnungstüren waren verschlossen. Die Vögelchen waren schon ausgeflogen. Einige meiner Bekannten sind in der folgenden Nacht von der Stasi verhaftet worden. Sie hatten mit bunten Filzstiften Parolen auf Zettel geschrieben und diese in Hausbriefkästen geworfen. Auf den Blättern aus den kleinkarierten Rechenblocks, die vorher im Schreibwarenladen gekauft worden waren, stand: »Helft dem roten Prag!« oder »In Prag ist Pariser Kommune«. Mit solchen Losungen wollten sie die Massen aufrütteln. Die Stasi hatte schon an der nächsten Ecke gestanden, um die Straftäter festzunehmen. Die Aktionen passten ihr gut ins Konzept. Sie zeigten, dass auch in der DDR eine »schleichende Konterrevolution« gedroht hatte. Es folgten Gefängnisstrafen, Ausschlüsse von Oberschulen und Universitäten, Abbrüche beruflicher Laufbahnen.

Jener Geschichtslehrer, der nach dem 13. August 1961 das Konsumdenken der westlichen Gesellschaft so verdammenswert fand, dass er allen Zweifeln zum Trotz dem Osten die Treue hielt, versuchte just an jenem welthistorischen 21. August 1968 über die Tschechoslowakei nach Österreich zu entkommen. Ein österreichischer Trucker versteckte ihn unter der Motorhaube seines Lasters. Dort wurde er mit schweren Verbrennungen hervorgezogen, von Freunden heimlich in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Doch die Aktion war von Spitzeln des MfS verraten worden. Als er in die DDR zurückkehrte, wurde er verhaftet, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und später vom Westen freigekauft.

Es gibt Tage, über denen scheint ein Fluch zu liegen. Was man an diesem Tag tut, ist man verdammt, ein Leben lang zu tun. So wie die Seeleute auf Wilhelm Hauffs Gespensterschiff, die verflucht waren, jede Nacht von neuem zu meutern und ihren Capitano an den Mastbaum zu binden, um anschließend mit wildem Geheul als Unglücksboten die wilde See zu durchmessen.

Wer an diesem Tage allein war, sollte es lange bleiben, wie es in Rainer Maria Rilkes Gedicht »Herbsttag« heißt. Wer an diesem Tag feige war, sollte es ein Leben lang sein. Wer damals beschloss, auf bessere Zeiten zu warten, musste lange warten. Wer sich an diesem Tag in stille Betrachtung zurückzog, sollte lange so verharren. »Warten, lesen, lange Briefe schreiben«, wie es bei Rilke heißt. Wer an diesem Tag die Konfrontation mit der übermächtigen Staatsmacht wagte, fand nur selten den Weg zurück in die Anpassung. Ein Abgrund tat sich auf, der sich nie wieder schließen sollte. Ein nicht enden wollender Herbsttag begann damals.

Das sowjetische System hatte durch den Einsatz seiner Panzerdivisionen bewiesen, wie erbärmlich schwach es war. Die Invasion im August 1968 zeigte seine Unfähigkeit zur inneren Wandlung. Gerade junge Menschen haben das damals intuitiv mit großer Klarheit gesehen. So wurde dieser 21. August 1968 zu einem historischen Wendepunkt, dessen Bedeutung weit über den unmittelbaren Anlass hinausging. In Prag starb an diesem Tag der Sozialismus als Utopie, und es wurde der »real existierende Sozialismus« geboren. Jener seltsam resignative und defensive Terminus begleitete die nächsten einundzwanzig Jahre der DDR. Es führte kein Weg mehr zurück zu den emanzipatorischen und freiheitlichen Wurzeln der kommunistischen Idee.

Auch in den Medien der DDR – sieht man von Karl-Eduard von Schnitzlers Sondersendungen ab – dominierte nicht jener triumphierende und aggressive Machtrausch von 1961, sondern eher Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Zwar wurde versucht, in ganzseitigen Artikeln den Bonner Revanchisten und speziell den Sozialdemokraten die Schuld an der Konterrevolution in die Schuhe zu schieben, über die internen Vorgänge in der Tschechoslowakei aber herrschte tagelang betretenes Schweigen. Die Polemik war ohne Biss und vor allem fast immer anonym, wusste doch niemand zu sagen, welche Persönlichkeit an der Spitze der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei Agent des Imperialismus war und wer bald schon als treuer Freund der Sowjetunion mit Bruderküssen bedacht über rote Teppiche schreiten würde.

Die kleinen Hexenjäger, Spitzel und Denunzianten aus dem Reich der niederen Dämonen taten sich zwar eifrig hervor, viele der »alten Genossen« aber zogen sorgenvolle Gesichter und bekannten sich wenigstens im kleineren Kreis zu ihren Zweifeln. Sie hatten ihren Sozialismus und ihren Staat in dem Glauben verteidigt, dass eines Tages, wenn die Anfangsschwierigkeiten überwunden wären, in der DDR der wahre Sozialismus aufzurichten wäre, vielleicht in ganz Deutschland oder sogar in der ganzen Welt. Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout, einer der intellektuellen Vertreter des Prager Frühlings, begründet in seinen späten Erinnerungen, warum er Anfang der fünfziger Jahre nach dem Verlust aller Illusionen Mitglied der Kommunistischen Partei geblieben ist: Er »und seine nahen Freunde bestärkten sich wie Tausende von Gesinnungsgenossen gegenseitig in der Annahme, dass man in diesem gespaltenen, aber immer noch mächtigen Verein bleiben und für ihn gemeinsam eine Grundlage schaffen müsse, wenn man einen gangbaren Weg aus der historischen Falle finden wollte. Ein Ausstieg hätte damals bedeutet, dass gerade die ihre Positionen räumen würden, die die ganze Gesellschaft von dem Maulkorb und der Leine des Totalitarismus befreien wollten und auch konnten. Zu bleiben erforderte natürlich auch, sich taktisch zu verhalten. Es ist schön, Liebe und Wahrheit zu predigen, sollten die jedoch je Hass und Lüge besiegen – das wissen alle, die es probiert haben! –, geht es nicht ohne Zugeständnisse und Geduld. Es graute ihnen vor den steigenden Zahlen der Toten von Berlin über Posen bis nach Budapest. Und eine Warnung war auch das Resultat der unterdrückten Widerstandsversuche, das überall gleich war: der Terror ultrakonservativer Kräfte. In der Tschechoslowakei, die erst anfing, sich aus deren Umklammerung herauszumanövrieren, durften sie keinen Vorwand bekommen, der sie wie in Ungarn berechtigt hätte, sowjetische Hilfe einzuholen!«8

In diesen und ähnlichen Worten wurde das Credo des klugen Abwartens und des stillen Wirkens auch in der DDR oft formuliert. Doch damit war nun Schluss. Aus dem Noch-nicht war über Nacht ein Nichtmehr geworden. Pavel Kohout und seine Gesinnungsgenossen, wie er sie selbst nennt, haben nach 1968 die Konsequenzen gezogen und einen hohen Preis bezahlt. In der DDR krochen die demokratischen Kommunisten zurück in ihre Deckung und entdeckten ihre freiheitlichen Ideen erst wieder, als eigentlich schon alles vorbei war.

In der historischen Perspektive rücken die beiden Ereignisse, der Mauerbau und die Invasion in die Tschechoslowakei, dicht zusammen. Doch psychologisch war der Unterschied riesengroß. Was war in den sieben Jahren zwischen dem Mauerbau und dem Ende des Prager Frühlings geschehen?



Die wilden Sechziger


Die sechziger Jahre waren in der ganzen Welt eine Zeit rasanten Fortschritts, großer Zukunftsentwürfe und turbulenter kultureller Wandlungen. Überall begann eine neue Generation die großen Verheißungen einzufordern, wie sie John F. Kennedy in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1960 formuliert hatte. Zunehmend stießen sich junge Amerikaner an dem Missverhältnis zwischen deklarierten Menschenrechten und der Realität des Rassenkonflikts in den Südstaaten. Der Vietnamkrieg wurde zum Fanal einer neuen Generation, die auf der ganzen Welt in unterschiedlicher Form ihren Widerspruch gegen die Welt der Väter artikulierte.

Der Begriff Revolution hatte Hochkonjunktur, obwohl weder in der westlichen noch in der östlichen Hemisphäre eine wirkliche Revolution stattfand. Es gab die sexuelle Revolution, die wissenschaftlich-technische Revolution, die Kulturrevolution, die Medienrevolution. In die Weltgeschichte wurden nachvollziehend zahlreiche Revolutionen projiziert. Das begann mit der neolithischen Revolution, in der jungsteinzeitliche Jäger und Sammler sesshaft wurden, setzte sich fort mit der Leserevolution des 18. Jahrhunderts, und es endete mit der industriellen Revolution des beginnenden 19. Jahrhunderts. Ohne das Schlagwort von irgendeiner Revolution zu bedienen, durfte sich kein Sozialwissenschaftler mehr an die Öffentlichkeit wagen. Vor allem aber wurde vielerorts Revolution gespielt. Rudi Dutschke und seine Genossen wollten West-Berlin zur Räterepublik machen, die zum Zentrum der Weltrevolution werden sollte. War das eine »Spaßrevolution« oder ein gefährlicher Angriff auf die Demokratie? Sie holten die Symbole der Revolution aus dem Geschichtsarsenal, schmückten sich mit roten Fahnen, Sowjetsternen und den Bildnissen der Revolutionäre der Weltgeschichte. Revolution wurde zum Popphänomen.

Allerdings distanzierten sich die Beatles in ihrem Song »Revolution« im Herbst 1968 deutlich von der revolutionären Gewalt »We all want to change the world / But when you talk about destruction / Don’t you know that you can count me out« – ein ungewöhnlich klares politisches Bekenntnis für eine Beatgruppe. »But if you go carrying pictures of chairman Mao / You ain’t going to make it with anyone anyhow.« Vier Jahre später sang John Lennon »Power to the people«, mit einem Text, der – wenn man ihn denn ernst nehmen wollte – kaum mehr als die ständig wiederholte rhythmische Parole enthielt.

In der DDR war Revolution eine abstrakte geschichtliche Kategorie. Man hatte alle geschichtlich notwendigen Revolutionen hinter sich gebracht. Und für die Revolutionen im Westen waren allein die kommunistischen Parteien zuständig und keineswegs radikale Revoluzzer, anarchistische Bohemiens und Studenten. So gerne die Theoretiker des DDR-Sozialismus über die Revolution philosophierten und immer noch neue erfanden, wie die frühbürgerliche Revolution des 16. Jahrhunderts oder die antifaschistisch-demokratische Revolution von 1945, so suspekt war ihnen der revolutionäre Gestus der westlichen Linksradikalen. Sie nannten ihn pseudorevolutionär, und schnell waren sie mit dem Lenin-Wort vom »Linksradikalismus als der Kinderkrankheit des Kommunismus« bei der Hand. Vor allem war die Konterrevolution allgegenwärtig. Angesichts der Reformbemühungen in der Tschechoslowakei erfanden die SED-Propagandisten das Wort von der »schleichenden Konterrevolution«.

Wo verliefen bei all den Revolutionen und Konterrevolutionen damals die Fronten? Hatte die Aufbruchsstimmung der Jugend viel zu tun mit den systemimmanenten Modernisierungsversuchen in den Ländern des Sowjetblocks? Die sowjetische Parteiführung verkündete seit 1961 den friedlichen Wettstreit der Systeme, trompetete Zukunftsvisionen in die Welt und berauschte sich an den Erfolgen bei der Eroberung des Kosmos. Die DDR, eingeklemmt zwischen dem Aufbruch der Jugend im Westen und den Reformanstrengungen im Osten, geriet ins Spannungsfeld dieser Konflikte. Wenn die Epizentren dieser tektonischen Beben auch außerhalb des Landes lagen, so waren die seismischen Störungen doch deutlich zu spüren.

Eine neue Generation war herangewachsen, die höhere Ansprüche an die Gesellschaft stellte. Und der Führung war klar, dass dies alles nicht möglich sein würde ohne ein Aufbrechen der erstarrten Strukturen. Viele junge Menschen maßen die Realität an den großen Worten, mit denen sie aufgewachsen waren. Der utopische Zeitgeist, der in der ganzen Welt junge Leute auf die Straße trieb, war als zarter Hauch selbst in dem Land hinter der Mauer spürbar. Es waren nicht die Schlechtesten, die meinten, man müsse die Partei beim Worte nehmen. Wolf Biermann schrieb damals in seinem Lied: »Warte nicht auf bessre Zeiten«: »Und das beste Mittel gegen / Sozialismus, sag ich laut, ist, dass ihr den Sozialismus / Aufbaut! Aufbaut! Aufbaut!«9

Es war eine Zeit des Glaubens an die Wissenschaft. Und doch herrschte eine vorwissenschaftliche Theorie mit pseudoreligiösen Zügen. Hochschul- und Akademiereform rollten erbarmungslos über die Einrichtungen der DDR hinweg, und unter dem Vorwand, alte Zöpfe abzuschneiden, wurde viel traditionell Bewährtes durch modischen Schnickschnack ersetzt. Die Arbeiterklasse und deren vorgebliche Kultur waren Maßstab aller Dinge, aber es machte sich in den Gesellschaftswissenschaften ein unverständlicher Soziologenjargon breit. Es war die Zeit der großen Worte und der kleinen Abkürzungen. Neue Begriffe schwirrten inflationär durch die Debatten der Zeit. Die Parteiführung erklärte die junge Generation zu den »Hausherren von morgen«, doch das Land wurde von dem Greis Walter Ulbricht regiert, der am 30. Juni 1968 seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag wie einen Staatsfeiertag zelebrieren ließ. Statt der Jugend Vertrauen zu schenken, wurde sie in kleinlichster Weise reglementiert. Pessimismus und Skeptizismus galten als dekadent, also als Verbrechen gegen die wahre Lehre. Haartracht und Rocklänge, Lesestoff und Musikgeschmack, Kunst und Literatur und möglichst noch das Liebesleben wurden von der Partei vorgeschrieben. Die Partei schuf sich selbst ihre Feinde, die sie dann mit viel Aufwand bekämpfte. Am 9. April 1968 wurde über eine Verfassung abgestimmt, die auch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung garantierte. Doch Bürger, die sich gegen die neue Verfassung aussprachen, wurden verhaftet und wegen staatsfeindlicher Hetze eingesperrt. Der Konflikt zwischen Freiheit und Diktatur wurde seitens des Staates mit den Mitteln geheimpolizeilicher Überwachung und politischer Strafjustiz ausgetragen. Konnte man unter diesen Bedingungen von einer Öffnung des Systems, gar von einer Liberalisierung sprechen, wie es auch westliche Beobachter taten? Ging es nicht allein um eine effizienter gestaltete Parteidiktatur? In der Tschechoslowakei war seit dem Januar 1968 die sozialistische Reformbewegung zur nationalen Freiheitsbewegung geworden. Erst die Panzer des Warschauer Paktes konnten dieser Entwicklung Einhalt gebieten. Die Vision eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz war unter den Ketten der Sowjetpanzer zermalmt worden. War die DDR tatsächlich auf diesem Weg gewesen, wie später die parteiinternen Kritiker von Ulbricht behaupteten, als sie in Moskau dessen Sturz betrieben? Hatte es jemals eine Chance gegeben, den Sozialismus sowjetischer Provenienz zu modernisieren und zu demokratisieren? Waren diese Versuche nicht lediglich eine Variante der totalen Herrschaft der Partei? Die heutige Analyse lässt sich nicht einfach in die Zeit zurück projizieren. Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, meinte Leopold von Ranke, der Altmeister der deutschen Geschichtswissenschaft. Moderner ausgedrückt könnte man sagen, jede Zeit ist in sich selbst autonom. Sie sollte nicht vom Ergebnis her bewertet werden, sondern aus der Perspektive der Zeitgenossen, als die Geschichte ihrer Hoffnungen, Träume und Ängste von damals, als Geschichte der Menschen. »Die Geschichtsschreibung ist mit der Geschichte der Gesellschaft, nicht mit der Geschichte des Menschen befasst«, schrieb der tschechische Romancier Milan Kundera in seinem Essay »Die Kunst des Romans«. »Deshalb werden die historischen Ereignisse, die in meinen Romanen vorkommen, von den Geschichtsschreibern oft übersehen.«10 Wie soll man die Lebenswirklichkeit in die Geschichtsdarstellung zurückholen? Wie soll man den schmalen Grat zwischen subjektiver Erinnerung und historischen Abläufen wahren?



Das parallaktische Prinzip oder warum der Mond immer mitkommt


Es mag zehn Jahre oder etwas länger her sein. Während einer nächtlichen Zugfahrt betrachtete unsere kleine Tochter die vor dem Abteilfenster vorüberziehenden Lichter. Plötzlich stellte sie eine verblüffende Frage: »Warum kommt denn der Mond immer mit?«

Es war in der Tat ein beeindruckendes Bild. Ein kugelrunder, sattgelber Mond raste mit affenartiger Geschwindigkeit durch die kahlen Äste der Bäume, huschte leichtfüßig zwischen den Signallichtern und Stellwerken hindurch, verschwand für Bruchteile von Sekunden hinter einer Böschung oder einer Brücke – doch tauchte er immer in gleicher Höhe wieder auf und grinste böse in das Zugabteil.

»Das hängt mit der Entfernung zusammen«, versuchte ich zu erklären. »Die Bäume am Bahndamm rasen so schnell vorbei, weil sie so nah sind, die Lichter am Horizont ziehen etwas langsam vorbei, der Mond ist so weit weg, dass er fast stillsteht. Das nennt man Parallaxe«, fügte ich hinzu, ohne damit zur Erhellung des Problems beizutragen.

Ich verhedderte mich in den schwierigen Erläuterungen, und das Kind begann ungeduldig zu werden: »Warum fliegt der Mond denn nun durch die Bäume?« Mir fiel in meiner Not ein einfaches Experiment ein. »Man muss konzentriert auf die eigene Nasenspitze schauen und dann im schnellen Wechsel jeweils ein Auge zukneifen. Linkes Auge zu … rechtes Auge zu … linkes Auge zu. Die Nasenspitze springt im schnellen Wechsel durch das Blickfeld, weiter entfernte Punkte dagegen bleiben unbeweglich stehen. Das ist das parallaktische Prinzip. Nach diesem Prinzip lässt sich die Entfernung zu den Sternen und zum Mond errechnen«, erklärte ich und erntete nun die Begeisterung unserer Tochter. Bis ihr schwindlig wurde berechnete sie intensiv die Entfernung zum Mond, legte schließlich ermüdet fest, er sei »Mijonen« weg und wandte sich anderen Dingen zu. Ich notierte mir das Stichwort Parallaxe, um es in der noch aus Schülertagen stammenden »Kleinen Enzyklopädie Mathematik« nachzuschlagen. Dort fanden sich die nötigen Definitionen. Bewegt sich der Standpunkt eines Beobachters durch den Raum, dreht sich das Gesichtsfeld. Es verändert sich also der Beobachtungswinkel. Wenn hinter dem Beobachtungsobjekt in weiter Ferne ein Hintergrund liegt, so hat es den Anschein, als rücke das Objekt auf demselben fort, und zwar in entgegengesetzter Richtung zur Bewegung des Betrachters. Diese scheinbare Bewegung ist umso stärker, je näher das Beobachtungsobjekt liegt. Umgekehrt gesagt: Je weiter ein Objekt vom Beobachter entfernt ist, desto geringer ist seine scheinbare Bewegung.

Überträgt man das Prinzip der Parallaxe auf die Zeit, so heißt das, je ferner ein Ereignis zurückliegt, desto subjektiv näher, wichtiger und unveränderlicher wird es im Vergleich zu der flüchtig vorüberhuschenden Gegenwart. Die Vergangenheit wird mit wachsendem Abstand nicht unwichtiger oder unwirklicher, sondern sie gewinnt an Wichtigkeit und Wirklichkeit. Die flüchtigen Punkte am Bahndamm der Gegenwart, die ferner liegenden Landschaften und die immer mit uns ziehenden Himmelspunkte bilden ein unauflösbares Amalgam.

Wir wissen seit Heraklit, dass wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen können, denn alles fließt. Noch mehr trifft das für eine Reise in die Vergangenheit zu. Die Bilder des inneren Archivs ändern sich bei jedem Zugriff. Vergessen ist nicht das Gegenteil, sondern eine Form der Erinnerung. Es sind zwei Seiten einer dialektischen Einheit. Wie die Zugfahrt durch die flimmernden Lichter der Nacht wird die Zeitreise zu einer Irrfahrt durch ein Labyrinth kryptischer Zeichensysteme, mit denen wir unseren Standort zu bestimmen suchen. So müssen wir die Geheimschrift der Dokumente, der Bilder, die Assoziationen jedes Mal von Neuem entziffern. Geschichte wird so zu einer verwirrenden Form der Zeichendeutung.

Es gibt auf dieser Fahrt keinen Streckenplan und kein Kursbuch. Selbst die Richtung der Fahrt bleibt dialektisch doppeldeutig. Die Fahrt im Schnellzug der Zeit geht von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit, die Geschichte aber läuft der Zukunft entgegen. So mischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vor allem aber mischt sich beim Blick aus dem nächtlichen Fenster das eigene schwarz konturierte Spiegelbild mit der vorbeiziehenden Landschaft. Wie der scheinbar stillstehende Mond begleitet es die Reise in die Vergangenheit.





Erster Teil Zerrissene Zeit





Berlin vor dem Mauerbau



Ideologische Frontlinien


In den Schulstuben der DDR hingen in den frühen sechziger Jahren Weltkarten, auf denen der unaufhaltsame Siegeszug des Sozialismus dargestellt war. Das sozialistische Lager einschließlich der Volksrepublik China war tiefrot eingefärbt. Die rote Fläche vom Gelben Meer bis Marienborn hatte die Form eines Panthers im Sprung, der seine Schnauze gegen Westeuropa streckte, um den kleinen Wurmfortsatz der eurasischen Landmasse demnächst zu verschlingen. Dazu schwamm seit Beginn der sechziger Jahre das sozialistische Kuba wie ein kleiner roter Fisch im gigantischen Haifischmaul des Golfs von Mexiko. Ein Drittel der Menschheit lebte bereits im Sozialismus, wie immer wieder triumphierend verkündet wurde, und der weltrevolutionäre Prozess würde eines Tages auch das reaktionäre Regime Konrad Adenauers in Bonn hinwegfegen, auch wenn es zur Zeit noch nicht danach aussehe.

Die Märchenwelt der kommunistischen Propaganda war fein säuberlich in Gut und Böse geteilt. Auf den Plakaten und in den täglich erscheinenden Karikaturen trugen die Imperialisten Zylinderhüte und gestreifte Hosen. Sie saßen mit langen Hakennasen auf Geldsäcken mit dem Dollarzeichen oder wateten im Blut der unterdrückten Völker. Die Bonner Ultras als besonders verabscheuungswürdige Spezies trugen Stahlhelme der Nazi-Wehrmacht und waren durch Hakenkreuze und SS-Runen kenntlich gemacht. Sie dürsteten nach Revanche für den verlorenen Krieg und streckten ihre spinnenartig dürren Finger gen Osten aus. In der Sprache der Agitation ausgedrückt, gab es zwischen der faschistischen Diktatur und der scheindemokratischen Spielart des staatsmonopolistischen Imperialismus nur einen taktischen Unterschied. Die politische Macht lag in den Händen des gleichen Monopolkapitals, das Hitler in den Sattel gehoben hatte und nun mit Unterstützung der verräterischen Sozialdemokratie regierte. Eine der vergessenen Kuriositäten der deutsch-deutschen Propagandaschlacht bestand darin, dass man der »SP« aufgrund ihres »nationalen Verrates« das »D« im Parteinamen aberkannt hatte. Immerhin wurde eingeräumt, dass die westdeutsche Arbeiterklasse teilweise der Sozialdemagogie erlegen sei und die siegreichen Schlachten zur Befreiung des Proletariats noch auf sich warten ließen.

An vielen Stellen des Erdballs standen sich die Kräfte der Reaktion und des Fortschritts – wie es die SED-Propaganda nannte – unversöhnlich gegenüber.

Für die erste Jahreshälfte 1961 zog die FDJ-Zeitung »Junge Welt« auf der Titelseite der Wochenendausgabe vom 22./23. Juli 1961 eine Bilanz: Unter der Überschrift »Aggressionen der NATO 1961« listet sie auf: Im März 1961 hätte in Laos eine von der CIA gelenkte Intervention stattgefunden. Im April hätte in dem kleinen südostasiatischen Land eine »offene Invasion mit Söldnerbanden« stattgefunden, »deren Mitglieder von geflohenen Verbrechern, französischen Fremdenlegionären bis zu spanischen und deutschen Faschisten reichten und von USA-Offizieren gedrillt wurden«.11 Im Mai wären 20 000 Angolaner dem Terrorfeldzug des NATO-Regimes Salazars in Portugal zum Opfer gefallen. Im Juni 1961 hätten britische Truppen Kuweit besetzt. Im Juli 1961 wäre es zu einem »barbarischen Bombardement auf die tunesische Stadt Bizerta« gekommen. Dazu stichwortartig die »Junge Welt«: »Napalm-Bomben! Französische Fallschirmjäger und Panzer feuern auf Frauen, Kinder und Krankenwagen!«

Es folgte die Zusammenfassung: »Und wieder kommen die Bomben, die Flugzeuge, Piloten, Generale und Söldner aus dem Arsenal derselben NATO, die vorgibt, die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verteidigen. Und wieder ist Bonn mit diesen Aggressoren engstens verbündet, mit jenen, die von Freiheit und Frieden faseln und Napalmbomben werfen!«12

Der Bogen zu den Bonner Ultras war hier nicht ganz einfach hinzubekommen, doch das Auftreten der alten Kolonialmächte und auch der USA war in jenen Jahren durchaus nicht zimperlich.

In Kenia führten die Engländer in den Jahren von 1952 bis 1957 den sogenannten Mau-Mau-Krieg. Sie errichteten ein System von Konzentrationslagern, in denen die Insassen systematisch erniedrigt und gefoltert wurden. Über 1000 Hinrichtungen und mindestens 50 000 getötete Zivilpersonen waren das Resultat des britischen Vorgehens. Zeitlich parallel führte Frankreich in Algerien von 1954 bis 1962 einen ebenso brutalen Kolonialkrieg. Das französische Mutterland blieb dabei von den Auseinandersetzungen nicht unberührt. Am 17. Oktober 1961 eskalierte in Paris eine Großdemonstration algerischer Arbeiter. Obwohl die Demonstration friedlich, wenn auch unter Missachtung der Ausgangssperre, verlief, eröffnete die Pariser Polizei das Feuer auf die Demonstranten. Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt, wird aber von Historikern auf bis zu 200 geschätzt. Gefesselte Demonstranten wurden von der Polizei in die Seine gestoßen. Noch Wochen später schwammen Leichen in dem Fluss. Tausende Menschen wurden verletzt und etwa 14 000 festgenommen. Die Festgenommenen mussten teilweise über mehrere Tage hinweg unter freiem Himmel campieren, ungefähr 500 von ihnen wurden im Anschluss nach Algerien deportiert. Der Schießbefehl kam vom Präfekten von Paris, Maurice Papon, der in der Besatzungszeit an der Deportation der Juden nach Auschwitz beteiligt gewesen war, was seiner Laufbahn nach dem Krieg nichts geschadet hatte. Er war in führenden Positionen in der Kolonialverwaltung in Algerien und Marokko tätig gewesen und wurde 1958 als getreuer Gefolgsmann de Gaulles Polizeichef von Paris.

Das Jahr 1960 ist als »Afrikanisches Jahr« in die Geschichte eingegangen. Insgesamt 17 meist französische Kolonien wurden zu souveränen Staaten. Doch das Beispiel der ehemaligen belgischen Kolonie Kongo zeigte, dass Nationalhymnen, Staatsflaggen und noch so bunte Briefmarken wenig an den Machtverhältnissen änderten. Nur wenige Monate nach der feierlichen Erklärung der Unabhängigkeit Kongos am 30. Juni 1960 spaltete sich die rohstoffreiche Provinz Katanga von der Zentralregierung in Kinshasa ab. Der frei gewählte Ministerpräsident Patrice Lumumba wurde gestürzt und ermordet. Der Mord an Lumumba löste heftige internationale Proteste aus, nicht zuletzt in Belgien selbst. Es gehörte nicht viel politische Einsicht dazu, um zu erkennen, dass hinter diesen Vorgängen die mächtigen belgischen Kupferkonzerne steckten.

Wer in der DDR damals Gründe suchte, den Imperialismus zu verabscheuen, brauchte weder zum »Neuen Deutschland« zu greifen noch Karl-Eduard von Schnitzlers »Schwarzen Kanal« über sich ergehen zu lassen. Die Ereignisse selbst polarisierten die Meinungen und mit ihnen die Menschen. Zwischen den Fronten des Kalten Krieges schien es für die Deutschen kaum noch Spielraum für eigene Entscheidungen zu geben. Amerika contra Sowjetunion, Freiheit contra kommunistische Unterdrückung, westlicher Wohlstand contra sozialistische Mangelwirtschaft – auf diese Alternativen reduzierten sich die Entscheidungsmöglichkeiten in den Augen der westlichen Wahrnehmung.

»Der Antikommunismus war nicht die Ideologie der Adenauer-Zeit schlechthin,« schreibt Elisabeth Endres in ihrem Buch über jene Zeit, »aber er war ihre negative Dimension. Die Vorstellung, dass das Böse in irdisch-politischer Gestalt auftritt, war vielen Nazis, beziehungsweise Ex-Nazis, so vertraut wie den Nazi-Gegnern. Für die einen war es schon immer der Bolschewismus gewesen, für die anderen war es der Nazismus. Da die beiden politischen Bewegungen sich mit dem finsteren Wort Totalitarismus zum Teil erklären ließen, konnten sie gleichgesetzt werden. Was dahinter stand, war die Hölle auf Erden. Ich verwende das Wort Hölle hier durchaus nicht als Bild oder Metapher; ich meine den theologischen Begriff für das absolute, im Wesen immer gleichbleibende Böse. Hier herrschen die Mächte, die das Böse wollen, es nur deswegen wollen, weil es böse ist. Wie zum Beispiel Luzifer, der Fürst der Finsternis; wie zum Beispiel der Spitzbart Walter Ulbricht.«13

Im Osten tönte die Propaganda in gleicher Weise, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Atomtod contra Aufbau, Imperialismus contra Befreiung der Völker, Herrschaft der alten Nazis und Konzernherren contra Arbeiter-und-Bauern-Macht.



Keine Neutralität


Der Krieg der Ideologien sickerte wie ein Gift in den Alltag ein, erfasste schon die Kinder, forderte in der DDR ein dauerndes Bekenntnis zum Frieden und gegen den Atomtod. Ununterbrochen griff der Staat nach dem ganzen Menschen. Die SED gab sich nicht mit staatsbürgerlicher Loyalität zufrieden. Selbst Gehorsam und Untertanengeist reichten ihr nicht aus. Sie forderte die Liebe der Menschen. Die Liebe zur Partei gelobten die Jungpioniere, die Treue zur Heimat wurde in Liedern besungen, der Glaube an die Sowjetunion wurde in Feierstunden beschworen. Die Bezeichnung »Liebesministerium« für den allgegenwärtigen Terrorapparat in Orwells Roman »1984« ist keineswegs eine ironische Pointe, sondern der eigentliche Kern des Totalitarismus. Die Partei hatte eine Diktatur der Liebe errichtet. Sie liebte ihre Untertanen und wollte wiedergeliebt werden. Unbewusst hat Erich Mielke diesen Kern getroffen, als er am 13. November 1989 in der Volkskammer seinen Liebesschwur stammelte, der in der verkürzten Fassung »Ich liebe euch doch alle!« in den ewigen Schatz der geflügelten Worte eingegangen ist.

In Ost und West ging die Furcht vor Unterwanderung um. Zweifel war Verrat, Schwankung war Schwäche, Neutralität im Klassenkampf war Untreue. Kritiker waren im besten Fall »Pinscher« – wie Bundeskanzler Ludwig Ehrhard 1965 kritische Schriftsteller nannte. Im Osten kamen Andersdenkende leicht hinter Schloss und Riegel. Es galt auf beiden Seiten der Grundsatz: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.«

In der DDR wurde die Hexenjagd auf Zweifelnde und Schwankende gerade in den sechziger Jahren regelrecht zelebriert. Der Vorwurf, »zwischen den Fronten zu stehen«, galt als Verdammungsurteil, ein »Wanderer zwischen den Welten« zu sein oder sich »im ideologischen Niemandsland« zu bewegen, war eine gefährliche ideologische Denunziation. Wer am Sendeknopf drehte, um beim RIAS die »Schlager der Woche« zu hören, öffnete Hirn und Herz den Argumenten des Feindes. Man wolle nur die Musik hören, galt als die dümmste aller Ausreden. Sie zeigte nur, dass man die perfiden Methoden der psychologischen Kriegsführung nicht durchschaute. Alle diese seltsam archaischen Floskeln stammen aus dem stets verfügungsbereiten Repertoire der Staatsbürgerkundelehrer, Propagandaredner und Zeitungsschreiber. Nach 1968 machte in der DDR zusätzlich das gefährliche Wort von der »schleichenden Konterrevolution« die Runde. Zwischen den Fronten schien kein Platz. Selbst gutgemeinte Kritik nützte angeblich dem Gegner. Das Lieblingszitat der SED-Funktionäre jener Jahre stammt von August Bebel: »Wenn dich deine Feinde loben, hast du etwas falsch gemacht.«



Internationaler Klassenkampf


Überall auf der Welt tobte der internationale Klassenkampf. So versetzte der Triumph von Fidel Castros bärtigen Rebellen am 1. Januar 1959 die »fortschrittliche Menschheit« in einen Freudentaumel. Mochte der Imperialismus mit noch so raffinierten Methoden die Ausbeutung verschleiern, der weltweite Sieg des Sozialismus war nicht aufzuhalten. Die Verdammten der Erde – wie sie Frantz Fanon in Anlehnung an den Text der »Internationale« genannte hatte – waren dabei, über den Hinterhof in die gute Stube der Weltbourgeoisie einzudringen. Das entsprach nicht ganz der reinen Lehre des Marxismus-Leninismus, der zufolge die proletarische Revolution in den fortgeschrittensten Ländern des Kapitalismus stattzufinden hatte. Doch bereits Lenins Bolschewiki hatten sich 1917 nicht ganz an diese Regel gehalten und später die Theorie vom »schwächsten Kettenglied« entwickelt. Das brüchigste Stück in der Kette aber waren in den fünfziger Jahren die »kolonial und neokolonial ausgebeuteten Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas«. Diesen begrifflichen Bandwurm hatte man entwickelt, um die inopportunen Termini »Entwicklungsländer« und »dritte Welt« zu umgehen. Ersatzweise durfte man auch »junge Nationalstaaten« sagen, obwohl die Staaten teilweise weder jung noch Nationalstaaten waren. Nach den importierten Revolutionen unter der Schirmherrschaft der sowjetischen Panzer, die Osteuropa in das sozialistische Lager verwandelt hatten, gab es nun endlich wieder eine echte Bilderbuchrevolution mit jubelnden Massen, Fahnenschwenken und lateinamerikanischen Rhythmen. Und damit nicht genug, trieben die Volksmilizen im April 1961 die von der CIA ausgerüsteten Invasoren an der Schweinebucht ins Meer zurück.

Alle diese globalen Gegensätze zeigten sich in der gespaltenen Stadt Berlin wie in einem Brennglas. Berlin war der einzige Punkt der Welt, wo sich sowjetische und amerikanische Soldaten Auge in Auge gegenüberstanden. Jede Konfrontation barg die Gefahr eines globalen Konflikts in sich. In und um Berlin wurde fleißig gepokert und gefeilscht. Die Freiheit der Westsektoren und deren Bindung an die Bundesrepublik war für Amerika die Nagelprobe seiner Macht. Hier konnten und wollten die USA nicht zurückweichen. Gerade deswegen drohte Chruschtschow im Juni 1961 in Wien gegenüber Kennedy unverhohlen mit dem Krieg. Die geteilte deutsche Hauptstadt war ein offenes Pulverfass, und die beiden Weltmächte fuchtelten unentwegt mit brennenden Lunten herum.

Wolf Biermann nannte Berlin respektlos den »Arsch der Welt« und dichtete in der ihm eigenen deftigen Art: »Wenn den großen Herrn der Welt / Der Magen drückt und kneift. Dann knallt und stinkt es ekelhaft«.14



Berlin bleibt Berlin


Aus all diesen Gründen war Berlin in jenen Jahren die merkwürdigste Stadt der Welt. Hier gab es alles doppelt. In einer Stadt herrschten zwei politische Ordnungen, zwei Wirtschaftssysteme, zwei Gesetzlichkeiten, zwei Lebensformen, zwei Alltagswelten. Der tägliche Umtausch von Ostmark in Westmark in den Wechselstuben auf der westlichen Seite der Sektorengrenze war zum Symbol der doppelten Existenzform der Stadt Berlin und ihrer Einwohner geworden. Auf jedem Ding klebte wie auf den Geldscheinen nach der Währungsreform von 1948 das Etikett: Ost oder West. Ost- oder Westzeitung, Ost- oder Westradio, Ost- oder Westschlager, Ost- oder Westzigaretten, Ost- oder Westklamotten. Der Unterschied war in jedem Fall fundamental. Vor allem aber gab es zwei feindliche Ideologien und zwei Propaganda-Apparate, die täglich Gift und Galle spuckten.

»Der Insulaner verliert die Ruhe nicht«, tönte wöchentlich die Erkennungsmelodie der Kabarettsendung des RIAS. Doch gerade die Kabarettsendungen in Hörfunk und Fernsehen zeigten, wie gespalten der Himmel über Berlin war.

Jeden Samstag um 19 Uhr kam im Deutschen Fernsehfunk aus Adlershof die Satire-Sendung »Tele-BZ«. Die später legendär gewordene Sängerin Helga Hahnemann verdiente sich dort ihre ersten Sporen. Die Kabarettsendung vermochte ihr Niveau allerdings nur dadurch zu halten, dass sie ihre satirischen Pfeile fast ausschließlich in Richtung Westen schoss.

Täglich dröhnte aus allen Rundfunk- und Fernsehlautsprechern die politische Propaganda, und aus den Zeitungsspalten in Ost und West triefte der Hass. Man schenkte sich nichts in jener Zeit. Keine Unterstellung war zu bösartig, keine Verleumdung zu billig, keine Beschimpfung zu primitiv. Für die Westmedien war Parteichef Walter Ulbricht der »Kettenhund Moskaus«. Eine berühmte Karikatur aus dem Jahre 1953 zeigt den ersten Mann des SED-Staates, wie er sich ängstlich an das Geschützrohr eines sowjetischen Panzers klammert. So sahen ihn wohl die meisten Deutschen.

Für die SED-Propaganda waren die Politiker des Westens »Knechte des Monopolkapitals, bezahlte Agenten des US-Imperialismus, Handlanger der Bonner Ultras« sowie alte und neue Nazis, auch wenn sie, wie viele SPD-Politiker, gegen Hitler gekämpft hatten. Die rechten sozialdemokratischen Führer waren für die Kommunisten ein traditionell beliebtes Feinbild. Seit 1914 hatten sie angeblich immer wieder die nationalen Interessen des deutschen Volkes verraten. Für den Regierenden Bürgermeister und frisch gekürten SPD-Spitzenkandidaten bei der kommenden Bundestagswahl dachte sich die SED-Propaganda die Etikettierung »Frontstadthyäne« aus. Die Ostsender überboten sich im Hohn über den »schönen Willy« – so Karl-Eduard von Schnitzler –, als dieser nach dem 13. August 1961 von Adenauer heftig auf die Pfoten gesetzt wurde. Auf den Karikaturen der Ostpresse streckten die westlichen Politiker ihre gierigen Krallen nach den Errungenschaften des friedlichen Aufbaus in der DDR aus.

Ost- und West-Berlin hätten kaum unterschiedlicher sein können, und trotzdem war der trotzige Westslogan »Berlin bleibt Berlin« nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Denn immer noch war Berlin eine Stadt. Im Minutenrhythmus rumpelten die alten schwarz-rot-gelben S-Bahn-Züge über die Sektorengrenze. Kaum ein Mensch hörte auf die Lautsprecheransagen, die darauf aufmerksam machten, dass man sich auf der letzten Station im Osten bzw. im Westen befand. Die Grenzpolizisten der DDR warfen in der Regel nur einen flüchtigen Blick in den Ausweis und ließen sich gelegentlich eine Aktentasche oder einen Einkaufsbeutel öffnen. Wer auffallend viel eingekauft hatte oder größere Bargeldbeträge bei sich trug, wurde zur Kontrolle mitgenommen. Hetzschriften sowie Schundund Schmutzliteratur zogen die Grenzorgane konsequent ein. Wer keinen Ärger riskieren wollte, warf die westlichen Zeitungen vor dem Einsteigen in den Papierkorb oder steckte sie unter die Jacke. Die Berliner hatten sich einen trotzigen, vielleicht ein wenig großmäuligen, aber urberlinerischen Abwehrgestus zugelegt: »Ost oder West, Hitler, Adenauer oder Ulbricht, Eisenhower oder Chruschtschow – uns kann keener!« Man nutzte die Vorteile der Spaltung, tauschte fröhlich eins zu vier, ging im Westen arbeiten oder anschaffen und gab das Geld im Osten aus. Ein paar Schiebergeschäfte gehörten zum Alltag. Die Schwarzmarktzeit lag noch nicht lange zurück. Zudem war die geteilte Polizei trotz partieller Zusammenarbeit nicht gerade sehr furchteinflößend. Berlin bot alles, was das Herz begehrte, verrufene Kneipen, Schwof bis Mitternacht und länger, einen florierenden Straßenstrich, eine Kietzidylle wie zu Zilles Zeiten, ein pulsierendes Kulturleben und einen Wissenschaftsbetrieb mit einigen zehntausend Studenten, von denen manche sogar mehr oder weniger heimlich parallel im Osten und Westen Lehrveranstaltungen besuchten. Ein bisschen war es ein Tanz auf dem Vulkan.



Das freie Berlin


In den drei Westsektoren trugen die Amerikaner, Briten und Franzosen die Verantwortung. Aus den Siegermächten von 1945 waren Schutzmächte geworden, und die West-Berliner waren in der großen Mehrheit froh über die Anwesenheit der Westalliierten. Die Sowjetunion hatte zweimal ihre Hände nach der westlichen Hälfte Berlins ausgestreckt – zum ersten Mal während der Blockade 1948/49, zum zweiten Mal durch das sogenannte Chruschtschow-Ultimatum vom November 1958. Der sowjetische Parteichef hatte damals gedroht, wenn nicht innerhalb eines halben Jahres die Westmächte aus Berlin abzögen und West-Berlin in eine Freie Stadt umgewandelt wäre, würde die Sowjetunion der DDR die Hoheitsrechte über ganz Berlin übertragen. Die West-Berliner reagierten besorgt, aber nicht panisch. Das Ultimatum verstrich, und nichts geschah. Doch die Unsicherheit blieb, und im Gefolge einer inneren Krise der DDR verschärften sich die Spannungen um Berlin neuerlich.

West-Berlin erstrahlte im Glanz des Wirtschaftswunders. Die Tatsache, dass dieser Glanz teilweise subventioniert war, tat ihm keinen Abbruch. Die Leuchtreklamen flimmerten fünfzehn Jahre nach dem Krieg nicht schlechter als in anderen Weltmetropolen. Jährlich wiederkehrende Theatertreffen, Filmfestspiele und Messen wie die Funkausstellung und die Grüne Woche verbreiteten internationales Flair. Berlin war wieder eine Reise wert. Auf dem Kurfürstendamm und rund um die zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche pulsierte das Leben fast wie in den legendären zwanziger Jahren. Vor allem aber waren die Geschäfte wieder voll, auch wenn der neue Wohlstand bei weitem noch nicht bei allen angekommen war.

In dem Jugendbuch »Sheriff Teddy« erzählte der DDR-Schriftsteller Benno Pludra die Geschichte von Kalle und Andreas, zwei Berliner Jungen, die in der spannungsgeladenen Atmosphäre der Vier-Sektoren-Stadt aufwachsen. West-Berlin erscheint in diesem Jugendbuch als ein Hort der Sittenverderbnis und Kriminalität, der schließlich die beiden Heranwachsenden auf die schiefe Bahn zu bringen droht. Als die beiden Jungen zum ersten Mal in den Westsektor fahren, kann sich der im Osten aufgewachsene Andreas nur schwer der Anziehungskraft des Westens entziehen.

»Sie fuhren mit der elektrischen Stadtbahn und stiegen auf dem Bahnhof Ostkreuz in die Ringbahn nach Gesundbrunnen. Die Fahrt dauerte vierzig Minuten. Dann liefen sie eine breite, verkehrstolle Geschäftsstraße hinunter, und Kalle war stolz, als gehöre ihm der ganze Gesundbrunnen. Andreas kannte vom Westsektor bis jetzt nur das Grenzgebiet am Potsdamer Platz. Dort spielte sich ja auch einiges ab, gab es Kino, bunt lackierte Schilder, gefällige Auslagen und laut anpreisende Verkäufer. Doch gegen das brandende Leben am Gesundbrunnen war die Budenstadt vom Potsdamer Platz eine verschlafene Einöde. Andreas fand keine Sekunde Ruhe. Er wollte nichts verpassen, und seine Blicke flitzten immerfort umher. Da waren chromschwere Riesenautos, Läden aus Messing und Glas, Holzbuden neben stattlichen Häusern. Da schrien Zeitungs-, Würstchen-, Schokoladenverkäufer, lockte Coca-Cola-, Kaugummi-, Kinoreklame. Und die Geschäfte ertranken im Überfluss.«15



Das Demokratische Berlin


Von einem solchen Überfluss war der Ostteil der Stadt weit entfernt. Abseits der Magistralen hatte sich in der vom Bombenkrieg und den schweren Bodenkämpfen der letzten Kriegstage gebeutelten Riesenstadt noch wenig getan. Überall sah man Trümmerberge und Ruinen, die stehen gebliebenen Häuser prunkten mit ihren von Granatsplittern zerfressenen Stuckfassaden. Auf den Hinterhöfen sah man die Inschriften LSR und die weißen Pfeile, die zu den unterirdischen Luftschutzräumen wiesen, mit den von Kugeln durchsiebten Aufschriften, die für Kolonialwaren und andere Herrlichkeiten längst vergangener Zeiten warben, oder dem überall hängenden Emailleschild mit dem roten Adler der Brandenburgischen Feuersozietät, die keines der Häuser vor dem Feuer bewahrt hatte.

Bunte Farbtupfer im Einheitsgrau waren allein die vielen Fahnen und Transparente, die den Aufbau des Sozialismus agitatorisch begleiteten. Immerhin waren für die Weltfestspiele und Deutschlandtreffen der fünfziger Jahre große Sportstadien und Aufmarschplätze geschaffen worden, auf denen zu den hohen Staatsfeiertagen die Kolonnen der begeisterten Werktätigen entlangzogen. Die Sowjetunion hatte der nahtlosen Angliederung ihres Sektors an die DDR kaum etwas in den Weg gelegt. Die Relikte des Viermächtestatus wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht allmählich beiseitegeräumt. Auch die Russenkasernen – wie man im Volksmund respektlos sagte – befanden sich abgesehen vom sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst außerhalb der Stadtgrenzen Groß-Berlins. Immerhin standen an den Zufahrtsstraßen und auf den S-Bahnhöfen am Stadtrand stets einige sowjetische Soldaten. Sie hatten die Aufgabe, gegebenenfalls Angehörige der westlichen Militärmissionen zurückzuweisen. Diese drehten mit Militärfahrzeugen regelmäßig ihre Runden durch den Sowjetischen Sektor von Berlin. Speziell die amerikanischen Straßenkreuzer mit der auf dem Dach montierten Funkantenne boten eine deutliche Belebung des Straßenbildes von Ost-Berlin. Gelangweilt und Kaugummi kauend blickten die USMilitärs durch die matt getönten Scheiben auf das Leben und Treiben im sowjetsektoralen Berlin. Gelegentlich warfen sie ein Kaugummipapier oder leere Zigarettenschachteln aus dem Autofenster, was die Sammelleidenschaft der Ostkinder befriedigte. In der Innenstadt waren alliierte Soldaten in ihren attraktiven Uniformen gruppenweise anzutreffen. Die Amerikaner kauften Meißener Porzellan, hölzerne Nussknacker aus dem Erzgebirge und Lederwaren. Die Engländer und Franzosen besuchten gern den Pergamonaltar auf der Museumsinsel und die beiden Ost-Berliner Opernhäuser.



Der Bambusbär als Friedensbote


Die Vorzeigestraße des neuen Berlin war die von 1949 bis 1955 erbaute Stalinallee. Hier herrschte die Pracht der Sowjetarchitektur jener Jahre. Die Wohnungen in der Stalinallee waren mit Parkett ausgelegt, die Decken mit Stuck verziert und die Küchen mit Müllschluckern ausgestattet, was damals noch einen unvorstellbaren Luxus bedeutete. Für die Wohnstätten der Arbeiter und der werktätigen Intelligenz war nichts zu teuer. Die Türbeschläge und Klingelschilder waren aus Messing, die Fahrstühle mit Edelholz furniert, in den Treppenhäusern lagen weinrote Teppiche mit orientalischen Mustern aus.

Eine überlebensgroße Bronzestatue des Sowjetdiktators J. W. Stalin zierte immer noch die Grünanlage gegenüber der Sporthalle, wenn auch seit 1956 keine Kränze mehr zu seinen Füßen niedergelegt wurden. In der sozialistischen Prunkstraße befanden sich auch die »Karl-Marx-Buchhandlung«, die größte und am besten belieferte Buchhandlung des Demokratischen Berlin, ein Zierfischladen, ein Spezialgeschäft für Briefmarkenfreunde und die attraktiven Restaurants »Bukarest« und »Budapest«, wo einem ausgewählten Publikum kulinarische Köstlichkeiten aus den befreundeten Volksdemokratien Rumänien und Ungarn dargeboten wurden. Jedenfalls in den Abendstunden oder gar zu den Tanzveranstaltungen waren sämtliche Tische reserviert, und gestrenge Oberkellner in Volkstrachten wachten darüber, dass kein Unberufener sich an einem der Tische breitmachte.

Die SED bemühte sich, Ost-Berlin attraktiv zu gestalten. Der Tierpark in Friedrichsfelde versuchte mit seinen großen Freigeländen den alten Zoo im Westen der Stadt in den Schatten zu stellen. Der Volkspark Friedrichshain mit dem Mont Klamott genannten Trümmerberg wurde mit Liegewiesen und Spazierwegen ausgestattet. Eine Dampferfahrt der Weißen Flotte war an Sommertagen ein Riesenspaß für die ganze Familie. In den großen Bierlokalen an den Seen der Umgebung konnten die Ausflügler eine Berliner Weiße mit Schuss, das heißt einem kleinen Schluck Sirup, genießen, sofern die Vorräte und die Sitzplätze reichten. Auf dem Kleinen Müggelberg im Stadtbezirk Köpenick erstand, nachdem der alte Holzbau 1958 Opfer einer Brandkatastrophe geworden war, der neue Müggelturm in moderner Architektur.

Ob es um die vielgerühmten Freigelände im Tierpark Friedrichsfelde oder den Aussichtsturm am Müggelsee ging, immer waren – jedenfalls in der Darstellung der Ostmedien – die Berliner mit ganzem Herzen dabei. Bis zum Überdruss wurden ihre Tier- und Naturliebe beschworen. Vor allem aber leisteten die Berliner im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks (NAW) Arbeitsstunden, klebten Spendenmarken oder sammelten Eicheln und Kastanien für die Huftiere und Wildschweine des großen Freizeitparks.

Als die Bambusbärin Chi Chi 1958 im Rahmen einer Rundreise durch europäische Zoos im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde Station machte, wurde sie gefeiert wie ein Staatsgast aus der befreundeten Volksrepublik China. Sie war nicht einfach eine niedliche und in zoologischen Gärten äußert seltene Pandabärin, sondern eine Botschafterin der Völkerfreundschaft, genau wie der Hirsch auf dem Parkgelände am Weißen See, der in dem Kinderbuchklassiker »Hirsch Heinrich« von Fred Rodrian und Professor Werner Klemke verewigt wurde. Und als ein Giraffenpärchen für den Tierpark erstanden werden sollte, startete die Zeitschrift für Vorschulkinder »Bummi« eine große Spendenaktion, die es 1960 schließlich möglich machte, in Angola die beiden Giraffen Ursel und Tobias zu erwerben. Nachdem sich 1968 endlich Nachwuchs einstellte, erhielt das Giraffenjunge – in Erinnerung an die Spendenaktion – den nicht ganz passenden Namen Bummi. Natürlich fehlen in den Zeitungsartikeln oder Rundfunk- und Fernsehbeiträgen über die schlichten Vergnügungen der Werktätigen nicht die Hinweise auf die segensreichen Wirkungen der SED-Politik. Der Tierpark-Führer von 1960 verweist auf die Geschenke aus Freundesland – wie die Wisente aus den Wäldern Ostpolens. Und er zitiert ausführlich Walter Ulbrichts Eintrag in das Gästebuch. Auch Sowjetsoldaten sind zu sehen, die gemeinsam mit deutschen Kindern das Raubtierhaus bewundern. Doch nicht allein darum ging es. Aus dem Figurenbestand einer kindlichen Bilderwelt entwickelte die Propaganda eine Art Trivialutopie des gemeinsamen Lebens. Es waren nicht einfach irgendwelche Leute und nicht einfach Menschen, die diese Begeisterung für die Pandabärin Chi Chi oder Hirsch Heinrich teilten, es waren »unsere Menschen«. Darin vor allem unterschied sich das Demokratische Berlin von der glitzernden Kälte in der Welt des Kapitals, die jenseits der Sektorengrenze begann.



Kampf dem Schund und Schmutz


Die Bedrohung des friedlichen Aufbaus in der DDR fand ihren Ausdruck in den Versuchen, junge Menschen ideologisch zu verwirren, ihre Moral zu untergraben und sie zu Werkzeugen der Bonner Ultras zu machen. So etwa formulierten es die SED-Funktionäre in ihren Agitationseinsätzen an der ideologischen Front. Der Kampf um die Herzen und Hirne – wie es in der SED-Sprache etwas archaisch hieß – erforderte täglich höchste Wachsamkeit. Eines der Schlachtfelder im Kampf um den Weltfrieden waren die Schulhöfe und Klassenzimmer. Dort wurde systematisch Jagd auf Schund- und Schmutzliteratur gemacht. Damit meinte man vor allem Comics und die grellbunten Heftchen mit Abenteuergeschichten. Lehrer, Pionierleiter, Ordnungspioniere und alle Mitschüler waren gehalten, solches Schriftgut aufzuspüren, die Besitzer zu melden und das Material einzuziehen. Auch Taschenkontrollen am Schultor waren an der Tagesordnung. Dennoch waren der Erwerb und die Weitergabe der Groschenhefte zumindest bis zu den großen Ferien des Jahres 1961 epidemisch. Es mag sogar sein, dass diese Dauerfahndung nach dem verbotenen Lesestoff das Vergnügen an der Lektüre beträchtlich verstärkt hat.

Auch in Benno Pludras Geschichte von Sheriff Teddy und seiner Bande beginnt alles mit diesen bunten Heftchen. Kalle, der neue Mitschüler aus dem Westen, veranstaltet in der Hofpause eine regelrechte Tauschbörse mit Wildwest- und Tarzanheften. Das führt zu einer Prügelei, deren Ursachen der Lehrer nun aufklären will: »Herr Freytag sah nicht mehr freundlich und gutmütig aus. ›Hinsetzen! Schulmappen nach vorn!‹ Die Schulmappen wurden vorgebracht und unter der Wandtafel in zwei langen Reihen hingelegt. Sobald dies geschehen war und die Schüler wieder auf ihren Plätzen saßen, sagte Herr Freytag: ›Aufstehen und aus den Bänken treten!‹ Er schritt durch die Reihen und suchte unter jeder Bank. Er fand nichts. Die Schüler durften sich wieder setzen. Sie mussten jetzt einzeln ihre Schulmappe nehmen und den Inhalt vorweisen. Herr Freytag fand wieder nichts. Da rief er Fips. Fips musste seine Jacken öffnen. Im losgetrennten Futter steckten sieben bunte Hefte. ›Woher?‹, fragte Herr Freytag und hielt Fips einen fleckigen, zerlesenen Tarzan unter die Nase. … ›Na, wird’s bald? Gekauft hast du ihn nicht. Der Schmöker ist durch mindestens zwanzig Hände gegangen. Von wem hast du ihn?‹«16

Ehe Fips schwach werden und den Freund verraten kann, bekennt sich Kalle trotzig als Lieferant der inkriminierten Heftchen, die er von seinem Bruder im Westen habe. Als ihn der Lehrer fragt, was sein Vater dazu sage, antwortet Kalle, dass dieser sie selber lese. Daraufhin entschließt sich der Klassenlehrer zu einem Hausbesuch bei Kalles Vater. Dieser akzeptiert das Verbot der Schule, hat aber wenig Verständnis für die sittliche Empörung des Lehrers. »Was aber mit den Heftchen selber ist, da kann ich mit ihnen nicht übereinstimmen, dass sie eine Seuche sein sollen«, meint er uneinsichtig. Doch der Pädagoge antwortet entschieden: »Sie sind eine Seuche … In jedem Schmöker finden Sie Brutalität in gefährlicher Weise verherrlicht. Überlegen Sie selbst, was aus einem jungen Menschen werden soll, der solch elendes Zeug tagtäglich in Zeichnungen sieht und in Worten liest.«17

In einem didaktisch gefärbten Nachwort zur Nachauflage von 1964 äußert sich Benno Pludra noch einmal ausdrücklich zur Gefährlichkeit der Comics und Cowboyhefte. Während seiner Recherchen für »Sheriff Teddy« las er einige der »beschlagnahmten Schmöker« und »war bestürzt von der Roheit und der schurkischen Dummheit, die mir aus jeder bunten Bilderseite entgegenschlug«.18 Der Buchautor ging zum Jugenddezernat der Kriminalpolizei. Dort öffnete man einen Schrank, und er sah »auf der linken Seite ein kleines Waffenlager: Gaspistolen, Schlagringe, Stahlruten, Holzrevolver, Zündplättchen-Colts, stehende Messer, Lassos. Auf der rechten Seite des Schrankes lagen Schmöker, zehn Pfund, zwanzig oder mehr, … Links die Waffen, rechts die Schmöker, so hatte man in diesem Schrank beisammen, was zur ›Ausrüstung‹ der Kinderbanditen gehörte.«19

Benno Pludra nimmt in seinem Nachwort ausdrücklich eine politische Schuldzuweisung vor und bietet dadurch eine Art volkspädagogischer Begründung für den Mauerbau: »Die Schmöker kamen aus West-Berlin. Die Grenze war offen, die Kinder fuhren hinüber, kauften und tauschten … Schule und Pionierorganisation riefen eine Bewegung gegen die Schmöker ins Leben. Schriftsteller, Erzieher, Künstler, alle vernünftigen Menschen schlossen sich dieser Bewegung an. Die Regierung gab ein Gesetz heraus, das die Einfuhr, den Besitz und die Weitergabe von Schund- und Schmutzliteratur auf dem Territorium der DDR und seiner Hauptstadt Berlin verbot. Aber der Quell des Übels ließ sich damit nicht verstopfen. Entlang der heutigen Staatsgrenze stand auf West-Berliner Seite die lockende Garde der Zeitungskioske, in denen sämtliche Comic-Serien zuhauf lagen und mit Vorzugspreisen an ›Ostbewohner‹ abgegeben wurden. Diese Vorzugspreise, gestützt durch Gelder des West-Berliner Senats, hatten den gleichen Zweck wie die verbilligten Eintrittskarten in den Grenzkinos, wo vom frühen Vormittag an die schlimmsten Wildwest-Knaller, Horror-Filme und Soldaten-Schnulzen liefen. … Der 13. August 1961 zog auch hier einen Schlussstrich. Die Grenzkinos gingen ein, die Zeitungsbuden verschwanden, ein hektischer Spuk löste sich auf in nichts.«20

Das von Benno Pludra kolportierte dichotomische Denkmuster war für die Begründung des Mauerbaus zentral. Der Westen war in diesem Weltbild der Nährboden von Sittenlosigkeit, kulturellem Verfall und Verbrechen. Durch minderwertige Druckerzeugnisse sollten die Seelen der Kinder nachhaltig beschädigt werden, so dass sie den hohen Idealen des Sozialismus nicht mehr zugänglich sein würden. Der Jugend in der DDR sollten das Wertvolle, Edle und Schöne nahegebracht werden, die erhabenen Werke der fortschrittlichen und humanistischen Weltkultur, insbesondere der deutschen Klassik, aber auch die klassische russische Literatur und die Sowjetkultur. Der Anspruch lautete: gebildete Nation. Das Wort vom »guten Buch« war allgegenwärtig, und so hieß auch eine große Buchhandlung am Alexanderplatz. Geradezu spiegelverkehrt war die Lage im Westen. Kapitalismus und Unkultur schienen aufs Engste verknüpft, zeigte doch gerade die hemmungslose Kommerzialisierung der Jugendkultur die Fragwürdigkeit der bürgerlichen Freiheit. Kann denn Sittenverderbnis Freiheit sein? – sollte sich der eingesperrte DDR-Bürger fragen, wenn ihm die Erinnerung an Grenzkinos und Zeitungskioske voller schreiend bunter Druckerzeugnisse vor Augen geführt wurde. Die Utopie von der gebildeten Nation bedurfte der Antiutopie von der amerikanisierten Unkultur. Auch im Westen gab es Eltern, Pädagogen und Pastoren, die gegen Comics und Groschenhefte wetterten. Im Osten aber diente der bildungsbürgerliche, teilweise antiamerikanische Affekt zur Begründung einer umfassenden volkspädagogisch motivierten Bevormundung nicht nur der Jugendlichen. Der Begriff der Schund- und Schmutzliteratur ließ sich beliebig ausweiten. Unter das Verdikt fiel ein beträchtlicher Teil der literarischen Moderne, die im Namen des hochkulturellen Bildungsanspruchs aus der DDR verbannt blieb.



Sündenbabel West-Berlin


Die SED-Propaganda zielte insbesondere auf das Sündenbabel West-Berlin, das nach Absperrung der innerdeutschen Grenze immer noch zugänglich war. Die drei Westsektoren erschienen als ein Moloch, der junge Menschen aus der DDR-Provinz anzog, um sie zu verschlingen. Dort blühten Kriminalität, Prostitution, Menschenhandel und andere undurchsichtige Machenschaften, zudem war die Stadt – wollte man der Ostpropaganda glauben – ein Nest westlicher Agentenorganisationen. In seiner Rede am 11. August 1961 verkündete der stellvertretende Ministerpräsident Willi Stoph vor der Volkskammer »Maßnahmen gegen Menschenhandel und Abwerbung«. In dieser, dem Mauerbau unmittelbar vorausgehenden Rede meinte er, »die Menschenhändler locken Jugendliche aus ihren gesicherten Verhältnissen in die Ungewissheit, um sie in die NATO-Armee oder auch in die Fremdenlegion zu pressen. Frauen und Mädchen landen als Prostituierte in Bordellen. Mit großer Empörung haben die Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik und auch die friedliebenden Menschen in Westdeutschland erfahren, dass die modernen Menschenhändler sogar den Raub von Kindern aus der Deutschen Demokratischen Republik organisieren. Wie verkommen muss doch ein Mensch sein, der es fertigbringt, einen drei Monate alten Säugling seiner Mutter zu entreißen und ihn in eine Reisetasche zu pferchen, um ihn zu entführen.«21

Eines der Schreckgespenster war die französische Legion d’Etranger, die sich während des Algerienkrieges einer gewissen negativen Berühmtheit erfreute. Die Menschenhändler pflegten dort die frische Ware aus dem Osten direkt abzuliefern, wollte man der SED-Presse glauben. In mehreren Prozessen versuchte die DDR, die Machenschaften der kriminellen Menschenhändler zu entlarven. Ein angeblicher ehemaliger französischer Geheimdienstmitarbeiter trat als Zeuge vor dem Obersten Gericht der DDR auf und berichtete »erschütternde Einzelheiten über die verbrecherischen Methoden der Kopfjäger in West-Berlin«.22 In der Müllerstraße 126 a im Wedding und in Tegel würde die Legion Büros unterhalten, »in denen Abgeworbene, die sich nicht willfährig zeigten, buchstäblich gefoltert und in den Tod getrieben wurden. Der im April 1961 im West-Berliner Landwehrkanal tot aufgefundene ehemalige DDR-Bürger Jäckel war vorher auch in dieser Prügelstätte gewesen.«23 Damit nicht genug. Auch die Kirche steckte mit den Kopfjägern unter einer Decke, wie das Organ der FDJ enthüllte. »›Ich selbst habe mehrere Kirchentagsbesucher aus der DDR vernommen, die durch Versprechungen von den Kopfjägern zum Verlassen der Republik verleitet wurden‹, berichtet der Zeuge.«24

In dem luziferischen Pandämonium des Bösen darf natürlich auch das Ostbüro der SPD nicht fehlen. Dies hatte es nach dem Zeitungsbericht sogar ganz besonders schlimm getrieben, denn ein Agent habe sich bereits 1932 als SA-Schläger hervorgetan, wäre dann als Aufseher im KZ und während des Krieges in der Geheimregistratur der faschistischen Kriegsmarine tätig gewesen, bis er in den fünfziger Jahren als Agent des Ostbüros aktiv wurde. »Bei der Verhaftung dieses Faschisten im Juli 1961 wurde in seiner Wohnung haufenweise Nazi-Literatur gefunden, darunter Hitlers ›Mein Kampf‹. Für das ›Ostbüro der SPD‹ verteilte er seit 1952 30 000 Hetzbriefe gegen die DDR. Sein Spezialgebiet im Menschenhandel: Abwerbung von Jugendlichen.«25 So erschien die DDR als ein Hort von Ruhe und Ordnung, West-Berlin als das Eldorado von Gangstern, Spionen und Abenteurern.



Schwindelkurs


In Berlin war die »Frontlinie des internationalen Klassenkampfes« bis zum 13. August 1961 nur ein imaginärer Strich auf dem Straßenpflaster. Man überquerte die kaum sichtbare Linie von West nach Ost, um schnell mal einzukaufen oder im Ostsektor in die Eckkneipe zu gehen, weil dort das Bier und die Bockwurst geradezu unverschämt billig waren. Zwar musste man theoretisch an der Ladenkasse oder beim Kellner den Ausweis zeigen, doch gegen ein kleines Trinkgeld drückte dieser auch mal ein Auge zu. Auf den Bänken vor der Markthalle am Alexanderplatz oder der Ackerhalle in der Invalidenstraße saßen Rentner, die sich für wenig Geld an den Marktständen anstellten, um für die West-Berliner alles zu holen, was der Einzelhandel im Ostsektor hergab. Es gab auch Schlaumeier, die auf der Basis des Kurses eins zu vier im Osten billig einkaufen wollten, um die Sachen dann im Westen mit Gewinn zu verscheuern.

Wie das genau ablief, zeigt der 1957 nach dem Buch von Benno Pludra gedrehte Kinderfilm »Sheriff Teddy« von Heiner Carow. Kalle wird von seinem Westbruder angestiftet, vor dem HO-Kaufhaus am Ost-Berliner Alexanderplatz Leute anzuquatschen: »Entschuldigen Sie bitte, meine Schwester hat Geburtstag. Und da wollt ich ihr ein Paar Strümpfe kaufen. Da ich keinen Ausweis habe, kriege ich doch nun keine. Würden Sie vielleicht mitkommen, und mit Ihrem Ausweis …?« Im Film fällt natürlich keiner auf die billige Masche herein. Jugendliche kontern kühl: »Das Geschäft machen wir selber. Schönen Gruß an deine Schwester und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Nur eine nette Oma gibt den Jungen den Tipp, das Geld für die Strümpfe in einen Umschlag zu stecken und ihn der Schwester zu schenken. Mit dieser Idee ist dem erfolglosen Jungschieber natürlich nicht gedient.

Die eigentliche Ursache für das florierende intersektorale Geschäftsleben lag natürlich in dem eigentümlichen Preissystem der DDR, wo sich die Ladenpreise nicht nach Angebot und Nachfrage richteten, sondern nach politischen Überlegungen behördlich festgelegt waren. Fast alles war knapp, und die Aufkäufer aus dem Westen waren nicht beliebt. Welchen realen Umfang diese Einkäufe annahmen, ist schwer auszumachen. In der offiziösen Wahrnehmung spielten sie eine erhebliche Rolle. Die SED-Propaganda verstand es gut, den Sozialneid der Ost-Berliner politisch zu instrumentalisieren.



Grenzgänger


Sehr viele Ost-Berliner und DDR-Bürger gingen im Westen zur Arbeit. Für manche war es der angestammte Betrieb, in dem sie schon vor 1945 gearbeitet hatten, andere lockte das Westgeld und ein Umtauschkurs eins zu vier.

Eine Analyse vom 10. Januar 1961, die an Walter Ulbricht weitergereicht wurde, enthält das interessante Eingeständnis, dass die Behörden von Groß-Berlin und der Randgebiete über keine genauen Zahlen verfügen würden.26 Alle Angaben beruhten also auf westlichen Veröffentlichungen. Der West-Berliner Statistik zufolge arbeiteten 41 131 Personen aus Ost-Berlin und der DDR in West-Berlin. Ob die Pendler aus den Bezirken Frankfurt (Oder) und Potsdam hier herausgerechnet wurden, bleibt unklar. Zu Recht bemerkt der Bericht an Ulbricht, dass die oben zitierte Zahl nicht den Realitäten entsprechen würde, »da es eine große Anzahl sogenannter ›nichtregistrierter Arbeitsverhältnisse‹ gibt. Hierzu wird die Sendung »Welt der Arbeit« des Senders Freies Berlin (SFB) vom 18. Juni 1959 zitiert: »Das sind die Gesamtzahlen, in denen aber viele Aufwartefrauen und andere Hilfskräfte aus Ost-Berlin fehlen, die ohne besondere Beschäftigungsgenehmigungen des Landesarbeitsamtes in West-Berlin tätig sind.«27 In einem Artikel der »Nachtdepesche« vom 28. Februar 1958 wird die Zahl der Putzfrauen auf 3000 beziffert.

Insgesamt waren bei den West-Berliner Behörden 56 283 Einwohner Ost-Berlins und der DDR gemeldet, die in West-Berlin tätig waren.28 Hinzu kam eine unbekannte Zahl von nichtgemeldeten Arbeitsverhältnissen. Man wird in den Jahren vor dem Mauerbau von durchschnittlich 60 000 Grenzgängern ausgehen können. Ulbricht meinte am 1. August 1961 in dem unten zitierten Telefongespräch mit Chruschtschow: »Offiziell sind es in Berlin 75 000, tatsächlich sind es mehr.«29 Allerdings neigte Ulbricht damals aus Gründen des politischen Kalküls bezüglich der Brisanz der Situation zu Übertreibungen.

Die Abwanderung von Arbeitskräften aus Ost-Berlin und der DDR nahm der Analyse zufolge im Jahr 1960 dramatische Formen an. Der Bericht meldet, dass 250 Arbeiter aus dem VEB Elektro-Apparate-Werk »J. W. Stalin« Treptow (EAW) nach West-Berlin gewechselt seien. Im VEB Bergmann-Borsig waren es 95 und im VEB Werk für Fernsehelektronik (WF) ebenfalls 95 Mitarbeiter, die im Osten kündigten, um im Westsektor eine neue Beschäftigung aufzunehmen.

»Im Demokratischen Sektor und in den Randbezirken«, musste Walter Ulbricht lesen, »herrscht an Arbeitskräften spürbarer Mangel. Nach Auskünften des Leiters der Abteilung Arbeit beim Magistrat von Groß-Berlin hat fast kein Betrieb seinen Arbeitskräfteplan erfüllt. Im Kreis Fürstenwalde / Frankfurt fehlen im VEB Reifenwerk u. a. 100, im VEB Rüdersdorfer Kalk- und Zementwerk 100 und im VEB Gaselan 70 Arbeitskräfte.«30

Gegen die Anziehungskraft West-Berlins war kein Kraut gewachsen. Im Westen herrschte Hochkonjunktur und ein großer Bedarf an Arbeitskräften. Die Betriebe lockten die Pendler mit hohen Stundenlöhnen und einem Westgeldanteil von 40 Prozent.

Seitens des West-Berliner Landesarbeitsamtes war der Anteil der Auszahlung in Westgeld folgendermaßen geregelt: Die Grenzgänger erhielten bis 1955 zehn Prozent ihres Gehalts in Westgeld, von 1955 bis 1956 erhöhte sich der Anteil auf 15 Prozent und ab 1956 auf 40 Prozent des Nettoeinkommens. Hinzu kamen seit dieser Zeit die Auszahlung des Kindergeldes, des Ehegattenzuschlags, des Urlaubsgeldes und der Weihnachtszuwendungen in Höhe von 150 DM komplett in Westgeld. Allein das Weihnachtsgeld betrug nach dem sogenannten Schwindelkurs 600 Ostmark, das Doppelte also eines durchschnittlichen Ostgehaltes. Gegen solche Verlockungen waren alle moralischen Appelle wirkungslos, zumal – wie von den Betroffenen immer wieder betont wurde – die Arbeit im Westsektor keineswegs verboten, sondern durch alliierte Abmachungen geregelt war.

Die Putzkolonnen, die im Westen die Büros und viele Privatwohnungen reinigten, kamen nahezu geschlossen aus dem Osten, ebenso die Hilfskräfte in Krankenhäusern und Altersheimen. Auch die leichten Mädchen, die allnächtlich auf dem Ku’damm und dem Tauentzien nach Kundschaft Ausschau hielten, rekrutierten sich – will man dem allgemeinen Gerede von damals trauen – in nicht unerheblichem Maße aus dem Osten. In dem DEFA-Film »Geschichten jener Nacht«, von dem noch die Rede sein wird, taucht so eine Frauenbrigade auf, die angesichts der Grenzsperrung nicht zu ihren gewohnten Stellplätzen vordringen kann. Der Kampfgruppenkommandeur gibt den Frauen eine Adresse, bei der sie im Osten gute Arbeitsmöglichkeiten finden könnten. Erwartungsvoll ziehen die Damen los, und der Zuschauer darf davon ausgehen, dass ihnen eine Enttäuschung bereitet wird – es ist die Adresse des Arbeitsamtes im Demokratischen Sektor.

Dies entsprach soweit dem Propagandaklischee der SED. Doch auch in der Verwaltung oder bei der West-Berliner Verkehrsgesellschaft waren viele DDR-Bürger tätig, nicht zuletzt SPD-Mitglieder aus Ost-Berlin, die in der Hauptstadt der DDR Schwierigkeiten hatten, eine entsprechende Arbeit zu finden. Aufgrund alliierter Übereinkommen existierten in den acht Stadtbezirken Ost-Berlins noch SPD-Kreisorganisationen, deren Aktivitäten sich allerdings teilweise im Westen abspielten, da sich die SPD ja offiziell 1946 mit der KPD zur SED vereinigt hatte. Die verbliebenen Sozialdemokraten im Osten waren vielfach Schikanen ausgesetzt, so dass die meisten im Westen arbeiteten.

Auch Schüler aus dem Osten besuchten im Westen die Schule, insbesondere konfessionelle oder sprachlich speziell ausgerichtete Schulen wie das Französische Gymnasium. Andere studierten an der Freien Universität oder der Technischen Hochschule. Die West-Berliner Studentenschaft kam zu einem guten Drittel aus Ost-Berlin und der DDR. Einige wohnten im Westen, andere noch im Ostsektor.

Die DDR-Propaganda entfaltete seit Juli 1961 gegen die Grenzgänger eine heftige und sehr emotional gefärbte Kampagne. Am 8. August 1961 veröffentlichte eine DDR-Zeitung eine Karikatur. Darauf ist eine Kuh mit der Aufschrift »Grenzgänger« zu sehen.31 Sie frisst aus einem Eimer, auf dem »Osten« steht, und lässt ihre Milch in einen Eimer fließen, auf dem »Westen« steht. Der DDR-Rundfunk strahlte das Gedicht eines unbekannten Autors »An einen Grenzgänger« aus:


»Als Kind hast du den ›Roten Wedding‹ gesungen,

Hast in der kleinen Hand ein rotes Fähnchen geschwungen.

Der Jüngling wurde zum Mann.

Überdachte, wie er am besten mit dem Arsch an die Wand kommen kann.

Du hast dann den Job gefunden.

Deine Ehre ging auf den Strich.

Nur manchmal in stillen Stunden,

Manchmal, da schämtest du dich.

Du hast es vergessen,

Bist tiefer und tiefer gesunken.

Heut bist du zu Haus

Zwischen Ost und West,

Im Niemandsland der Halunken.

Und wenn irgendjemand deine Kinder später nach ihrem

Vater fragt,

Werden sie sagen: Das war ein Verräter.

Er übte Verrat an uns

Und am Arbeiterstaat.

Und wir alle werden uns deiner erinnern,

Wie an ein böses Geschwür.

Denn deine Arbeiterehre verkauftest du eins zu vier.«32




Doch es blieb nicht bei sittlichen Appellen und politischer Agitation. Nach einer am 11. Juli 1961 veröffentlichten Weisung des Magistrats von Ost-Berlin durften hochwertige Konsumgüter wie Autos, Motorräder, Fernsehgeräte, Kühlschränke, Waschmaschinen nur noch an Einwohner des Demokratischen Sektors verkauft werden, die dort auch arbeiteten.33 Am 9. August 1961 wurden diese Restriktionen noch ausgeweitet. 34

Im Juni 1961 begannen die DDR-Behörden damit, Grenzgänger zu registrieren. Es sollten zunächst Listen erstellt werden, in denen die Personen erfasst wurden. Dann sollte unter Missachtung der Privatsphäre und des Persönlichkeitsrechtes Druck ausgeübt werden. Die Partei schickte Agitationstrupps aus, die Grenzgänger zu Hause besuchen sollten. Sie sollten sie davon überzeugen, ihre Arbeit in West-Berlin aufzugeben. Grenzgänger, die im Osten schulpflichtige Kinder hatten, wurden in die Schulen einbestellt, um sie im Gespräch mit dem Direktor dazu zu bewegen, ihre Arbeit in West-Berlin aufzugeben. Mitarbeitern von Behörden, deren Ehepartner oder erwachsene Kinder in West-Berlin tätig waren, wurde mit Entlassung gedroht.

Stolz vermeldet ein Bericht vom 22. Juli 1961, dass seit dem 13. Juni 1961 insgesamt 6 Grenzgänger zurückgewonnen werden konnten.35 Angesichts der rund 60 000 Zielpersonen war das nicht gerade ein durchschlagender Erfolg. Um den Druck zu erhöhen, wurden von den Ost-Berliner SED-Kreisleitungen Hausversammlungen durchgeführt, auf denen die Grenzgänger Stellung nehmen sollten. Ganz offen wurde an den Sozialneid der Mitbewohner appelliert. Nicht minder gefährlich waren die Vorwürfe, die »Grenzgänger unterstützen den westdeutschen Militarismus«. Dies war ein Straftatbestand, für den viele Jahre Zuchthaus drohten. In der Tat kam es auch zu Verhaftung