Главная Parteielite im Wandel: Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung Eine...

Parteielite im Wandel: Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung Eine empirisch-systematische Untersuchung

0 / 0
Насколько вам понравилась эта книга?
Какого качества скаченный файл?
Скачайте книгу, чтобы оценить ее качество
Какого качества скаченные файлы?

Die politische Soziologie und die politische Wissenschaft beschäftigen sich in zunehmen­ dem Maße mit Erscheinungen des politischen und sozialen Wandels von Herrschafts­ und Gesellschaftsstrukturen. Den Tendenzen zur Veränderung und Umstrukturierung von Teilsystemen stehen jedoch häufig Beharrungstendenzen anderer gesellschaftlicher Teilbereiche gegenüber. Sozialer Wandel schließt deshalb latente und manifeste Kon­ flikte ebenso ein wie sich in industriellen Gesellschaftsordnungen immer wieder neu bildende Differenzierungsprozesse. Der geistige, politische und soziale Wandel ist nicht auf Gesellschaftssysteme des Westens und auf die Entwicklungsländer beschränkt. Er kann heute als weltweite Erscheinung angesehen werden. Die Dynamik der Veränderung tradierter Strukturen ist auch in der Sowjetunion, in den osteuropäischen Gesellschaften und in der DDR zu beobachten. Sie wird durch das Postulat der Funktionstüchtigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft, das heute wohl die überwiegende Zahl der kommunistischen Parteiführer im Ostblock vertritt, womöglich noch gesteigert. Die vorliegende Studie versucht, die sich wandelnde Welt des Ostblocks in einem politisch-sozialen System, der DDR­ Gesellschaft, zu erfassen. In der DDR sind heute die Kräfte der Dynamik denen der Beharrung und der Statik vielleicht in besonders starkem Maß konfrontiert. Deshalb ist diese Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit ebenso widersprüchlich wie für den Analytiker reizvoll. Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich vor allem die Frage, wie die aus dieser Konfrontation resultierenden Konflikte gelöst werden, welche orga­ nisationspolitischen Konsequenzen in einem System gezogen werden, das dem Zwang, funktionieren zu müssen, in besonderem Maße ausgesetzt ist.

Год:
1968
Издание:
3
Издательство:
VS Verlag für Sozialwissenschaften
Язык:
german
Страницы:
440 / 462
ISBN 10:
3663162680
ISBN 13:
9783663162681
Серия:
Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft
Файл:
PDF, 19,19 MB
Conversion to is in progress
Conversion to is failed

Ключевые слова

 
0 comments
 

Чтобы оставить отзыв, пожалуйста, войдите или зарегистрируйтесь
Вы можете оставить отзыв о книге и поделиться своим опытом. Другим читателям будет интересно узнать ваше мнение о прочитанных книгах. Независимо от того, пришлась ли вам книга по душе или нет, если вы честно и подробно расскажете об этом, люди смогут найти для себя новые книги, которые их заинтересуют.
1

Die Realität der Massenmedien

Год:
1995
Язык:
german
Файл:
PDF, 2,07 MB
0 / 0
2

Einführung in die moderne Mathematik

Год:
1971
Язык:
german
Файл:
PDF, 6,78 MB
0 / 0
PARTEIELITE IM WANDEL

SCHRIFTEN DES INSTITUTS FÜR POLITISCHE WISSENSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VOM WISSENSCHAFTLICHEN LEITER PROF. DR. OTTO STAMMER, BERLIN

BAND 21

PETER CHRISTIAN LUDZ

Parteielite im Wandel
Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung
Eine empirisch-systematische Untersuchung

3., durchgesehene Auflage

Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH· 1970

ISBN 978-3-663-15686-4

ISBN 978-3-663-16268-1 (eBook)

DOI 10.1007/978-3-663-16268-1
3.,

durchgesehene Auflage 1970

Verlags-Nr. 053021
© 1968 by Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Westdeutscher Verlag. Köln und Opladen 1968.
Gesamtherstellung: Druckerei Dr. Friedrich Middelhauve GmbH' Opladen
Grafische Gestaltung: Herbert W. Kapitzki . Ulm

INHALT

Verzeichnis der Tabellen .............................................. XI
Erläuterungen
Vorwort

.................................................... XVII

.......................................................... XIX

Vorwort zur dritten Auflage . ........................................ XXIII
ERSTES KAPITEL

Theoretischer Bezugsrahmen
1. Der Gegenstand der Untersuchung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Erste Abgrenzungen

................................ . . . . . . . . . . . . . .

2. Metatheoretische Vorfragen

1
1
9

........................................
Totalitarismus ....................................................
Zur Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit empirisch-soziologischer
Analysen in kommunistisch verwalteten Gesellschaftssystemen ............
Der Positivismusvorwurf ..........................................

10
11
15
16

3. Aspekte des Forschungsansatzes ......................................
Organisationstheoretischer Aspekt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Elitentheoretischer Aspekt ..........................................
Ideologiekritischer Aspekt ..........................................

20
25
37
45

ZWEITES KAPITEL

Wandlungs- und Beharrungstenden; zen im Organisationssystem der SED

55

1. Problemstellung ..................................................

55

2. Die Parteitage der SED in den Jahren 1954 bis 1963

55
57
59
64

....................
Der IV. Parteitag der SED .... . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Der V. Parteitag der SED ..........................................
Der VI. Parteitag der SED ........................................

3. Innergesellschaftliche Konsequenzen des »neuen ökonomischen Systems« ....

68

4. Veränderungen im Organisationssystem der SED ......................
Der Partei aufbau zu verschiedenen Zeitpunkten (schematischer Vergleich) ..
Die Einführung des Produktionsprinzips ..............................
Die Büros und Kommissionen beim Politbüro ..........................
Zur Reform des Parteiapparates auf der Bezirksebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

71
71
74
77
82

5. Das Zentralkomitee der SED: Wandlungen zum Koordinations-, Transformations- und Konsultationsgremium ....................................
Die Bedeutung des Zentralkomitees innerhalb der Parteiorganisation ......

93
94

Inhalt

VI

Die 9. Tagung des Zentralkomitees vom Juli 1960 ......................
Die Wirtschaftskonferenz des Zentralkomitees und des Ministerrates vom
Oktober 1961 ....................................................
Die Wirtschaftskonferenz des Zentralkomitees und des Ministerrates vom
Juni 1963 ........................................................
Die Wirtschaftskonferenz 1961 im Vergleich mit der Wirtschaftskonferenz 1963
Die 7. Tagung des Zentralkomitees vom Dezember 1964 ................
Die Konferenz des Zentralkomitees und des Ministerrates zur »sozialistischen
Rationalisierung und Standardisierung« vom Juni 1966 . . . . . . . . . . . . . . . . ..

101
103
110
113
114
116

6. Expertenwissen in der Einschätzung durch Parteifachleute und Parteifunktionäre ............................................................ 122
7. Die Neuorganisation der Parteikontrolle und Strukturkonflikte in Partei und
Betrieb ..........................................................
Die Arbeiter-und-Bauern-Inspektion .................................
Die Produktionskomitee3 ..........................................
Die Auflösung der Büros für Industrie und Bauwesen ....................

128
128
136
141

8. Hauptmerkmale des Wandels in der Sozialstruktur der SED .............. 145
9. Zusammenfassung ................................................ 151

DRITTES KAPITEL

Wandlungs- und Beharrungstendenzen in der sozialstrukturellen
Zusammensetzung der SED-Führungsgremien ............................ 153
1. Einleitung

......................................................
Vorbemerkung zur Materialsammlung und -aufbereitung ................
Die Materiallage: Zur Frage der Zuverlässigkeit und Vollständigkeit
der biographischen Angaben ........................................
Probleme der Kodifizierung ........................................

2. Statistisch-demographische Daten der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees in den Jahren 1954, 1958 und 1963 ............................
Geschlecht •......................................................
Alter ...........................................................
Geburtsort ............................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Beruf des Vaters ..................................................

153
153

155
157
160
160
160
164
164

3. Zur politischen Biographie der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
in den Jahren 1954, 1958 und 1963 ..................................
Parteipolitische Betätigung .........................................
Politisch relevante Betätigung beziehungsweise Aufenthalt in den Jahren 1933
bis 1945 ........................................................
Aufenthalt in der Sowjetunion und politische Schulung ..................
Der Generationenkonflikt im Spiegel der politischen Biographie ..........

172
175
177

4. Zur beruflichen Situation der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
in den Jahren 1954, 1958 und 1963 ..................................
Schul- beziehungsweise Ausbildungsabschluß ..........................
Erlernter Beruf ..................................................
Ausgeübter Beruf zum Zeitpunkt des Eintritts in das Zentralkomitee ......

178
178
181
186

168
168

lnhalt

VII

Die berufliche Situation älterer im Vergleich mit jüngeren ZK'-Mitgliedern
und -Kandidaten .................................................. 191
5. Zur beruflichen Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
in den Jahren 1958 und 1963 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees'1958
im Vergleich mit dem Zentralkomitee 1963 ............................
Vertikale berufliche Mobilität und ZK-Mitgliedschaft ..................
Beruflicher Abstieg und Ausscheiden aus dem Zentralkomitee ............
Beruflicher Aufstieg und Aufnahme in das Zentralkomitee ................
Aufstiegswege ....................................................
Horizontale berufliche Mobilität und ZK-Mitgliedschaft .................

199
207
215
216
218
221
222

6. Zur Repräsentanz von Wirtschaftsfunktionären im Zentralkomitee ........ 223
Wirtschaftsfunktionäre im engeren Sinne .............................. 224
Wirtschaftsfunktionäre im weiteren Sinne ............................. 228
7. Beharrungstendenzen von traditionell im Zentralkomitee verwurzelten Kräften
Das Politbüro ....................................................
Die im Zentralkomitee vertretenen Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen
8. Die Verbindung zwischen Parteiapparat und Staatsapparat im Licht des
sozialstrukturellen Wandels (1954 bis 1965/66) ........................
Mitgliedsmaft in der Volkskammer und im Zentralkomitee ..............
Mitgliedschaft im Ministerrat und im Zentralkomitee ....................
ZK-Mitglieder im Ministerrat ......................................
SED-Mitglieder im Ministerrat ......................................
Mitgliedschaft im Staatsrat und im Zentralkomitee ......................
9. Die Verbindung des Zentralkomitees mit den zentralen Führungsgremien der
Massenorganisationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . ..
Die Situation im Jahre 1958 ........................................
Die Situation im Jahre 1963 .................. : .....................
Haupt- und. Ne.benfunktionäre in zentralen Führungsgremien ausgewählter
MassenorgamsatIOnen ............. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

230
230
233
234
235
236
238
241
244
246
252
253
255

10. Zusammenfassung ................................................. 256

VIERTES KAPITEL

Wandlungs- und Beharrungstendenzen im ideologischen System
1. Ideologisch-utopisme Bezüge des institutionalisierten Revisionismus ........
Der Begriff der Entfremdung .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Entfremdung und Aufhebung der Entfremdung bei Marx ................
Revisionistische Versume, den Entfremdungsbegriff in das ideologische Dogma
zu integrieren ....................................................
Zur ästhetismen Interpretation des Marxschen Entfremdungsbegriffs . . . . . . ..
Entfremdung und Verfremdung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Die »dynamische Funktion des Komischen« als überwindung der Entfremdung
Entfremdung und sozialistische Industriegesellschaft in der Geschichtsphilosophie von Wolfgang Heise ..........................................
Entfremdung und sozialistisme Industriegesellschaft in der Technik-Philosophie
von Georg Klaus ..................................................

259
259
259
261
267
269
270
272
~276

283

VIII

Inhalt

Die dogmatische Abwehr des Entfremdungsbegriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 289
Zusammenfassung ................................................ 293
2. Systemtheoretische Bezüge des institutionalisierten Revisionismus. . . . . . . . ..
Zum Begriff der Kybernetik ................................... ~. . ..
Das Programm der kybernetischen Systemtheorie ......................
Regelungs- und informationstheoretische Aspekte der Kybernetik und der dialektische Materialismus ............................................
Das Analogieproblem ..............................................
Dogmengeschichtlicher Bezug: Der Rüdtgriff auf Friedrich Engels und Ernst
Mach ...........................................................
Zusammenfassung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
3. Der kybernetische Begriff des Systems und die marxistische Organisationslehre
System-, regelungs- und informationstheoretische Aspekte der Kybernetik und
der historische Materialismus .................................•......
Zum kybernetischen Begriff der »Selbstorganisation« und seiner Anwendung
auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in der DDR ......................
Kybernetische Selbstorganisation und sozialistische Demokratie ............
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..

294
295
298
300
304
307
311
312
312
314
318
323

DIE ERGEBNISSE DER UNTERSUCHUNG .......................... 324

ANHANG I: EXKURS

Das Zentralkomitee und der VII. Parteitag der SED

328

1. Veränderungen im Zentralkomitee zwischen 1963 und 1967 ..............
Die im Zentralkomitee 1967 nicht mehr vertretenen Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1963 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..
Die im April 1967 neu aufgenommenen Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees .....................................................
Zug.~nge und A~gänge :'ln~~ßlich des VII. Parteitages im Vergleich ..........
Veranderungen 1m Pohtburo ........................................

328

331
334
335

2. Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1967 ................
Alter und Parteieintritt ............................................
Erlernter Beruf ...................................................
Ausgeübter Beruf .................................................
Partei- und Arbeiterveteranen ......................................

336
336
337
343
347

329

3. Zusammenfassung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 348

ANHANG II: MATERIALIEN
1. Die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros und des Zentralkomitees in den
Jahren 1950, 1954, 1958, 1963 und 1967 .............................. 350

2. Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1950 bis 1967) ........ 365

Inhalt

IX

ANHANG 111: DOKUMENTE
1. Ober die Leitung der Parteiarbeit nach dem Produktionsprinzip (Beschluß des
Politbüros vom 26. Februar 1963) .................................. 372
2. Beschluß des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
und des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik über die Bildung der Arbeiter-und-Bauern-Inspektion der Deutschen Demokratischen Republik vom 28. Februar 1963 ....................................... 374
3. Grundsätze über die Aufgaben und Arbeitsweise der Produktionskomitees in
volkseigenen Großbetrieben (Beschluß des Politbüros vom 29. Oktober 1963) 380
4. Diskussionsbeitrag von Hanna Wolf auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees
der SED im Dezember 1965: »Das wichtigste bleibt der Klassenstandpunkt« . 383
5. Diskussionsbeitrag von Christa Wolf auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees
der SED im Dezember 1965: »Gute Bücher - und was weiter?« ............ 386

BIBLIOGRAPHIE .................................................. 390
PERSONENREGISTER .............................................. 416
SACHREGISTER .................................................... 431

VERZEICHNIS DER TABELLEN

TABELLE 1
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
Geschlecht .......................................................... 161
TABELLE 2
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
Alter ............................................................... 162
TABELLE 3
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
Geburtsort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 166
TABELLE 4
Soziale Herkunft ausgewählter Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
(1954, 1958 und 1963) ................................................ 167
TABELLE 5
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
dem Datum ihres Partei eintritts ......................................... 169
TABELLE 6
Ehemalige langjährige SPD-Mitglieder unter den Mitgliedern und Kandidaten des
Zentralkomitees ...................................................... 171
TABELLE 7
Politisch relevante Betätigung bzw. Aufenthalt der Mitglieder und Kandidaten des
Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) in den Jahren 1939 bis 1945 .......... 173
TABELLE 8
Aufenthalt in der Sowjetunion und politische Schulung der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) .......................... 176
TABELLE 9
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
Schul- bzw. Ausbildungsabschluß ....................................... 179
TABELLE 10
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) nach
dem erlernten Beruf .................................................. 182
TABELLE 11
Die für das Merkmal »Erlernter Beruf« erhaltenen Angaben der Mitglieder und
Kandidaten des Zentralkomitees (1954, 1958 und 1963) .................... 184

XlI

Verzeichnis der Tabellen

TABELLE 12
Die Hauptfunktionen der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1954,
1958 und 1963) zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Aufnahme in das Zentralkomitee 188
TABELLE 13
Verteilung der Hauptfunktionen der Mitglieder und Kandidaten bei ihrem Eintritt in das Zentralkomitee (1954, 1958 und 1963) auf die unterschiedenen Funktionsbereiche '" .................................................... " 190
TABELLE 14
Positionen der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees in den Hierarchien
der unterschiedenen Funktionsbereiche ................................... 190
TABELLE 15
ZK-Mitglieder und -Kandidaten der Altersgruppen 3, 4, 5 nach Schul- bzw. Ausbildungsabschluß (1958 und 1963) ...................................... 193
TABELLE 16
ZK-Mitglieder und -Kandidaten der Altersgruppen 3, 4, 5 nach dem erlernten
Beruf (1958 und 1963) ................................................ 195
TABELLE 17
ZK-Mitglieder und -Kandidaten der Altersgruppen 3, 4, 5 nach ihren Hauptfunktionen bei Eintritt in das Zentralkomitee (1958 und 1963) .............. 196
TABELLE 18
Der Anteil jüngerer Spitzen funktionäre im Partei- und Staatsapparat .......... 197
TABELLE 19
Der Anteil jüngerer Funktionäre an den Inhabern von Positionen der »oberen
Mitte« im Partei- und Staatsapparat .................................... 197
TABELLE 20
Der Anteil jüngerer Funktionäre in den unterschiedenen Funktionsbereichen .... 198
TABELLE 21
Der Anteil älterer Funktionäre in den unterschiedenen Funktionsbereichen ...... 199
TABELLE 22
Vertikale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
1958 (1954 +- 1958) .................................................. 200
TABELLE 23
Vertikale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
1963 (1958 +-1963) .................................................. 202
TABELLE 24
Horizontale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1958 (1954 +- 1958) .......................................... 205
TABELLE 25
Horizontale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1963 (1958 +- 1963) .......................................... 206

Verzeichnis der Tabellen

XIII

TABELLE 26
Vertikale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees
1958 (1958-* 1963) .. '................................................ 208
TABELLE 27
Vertikale berufliche Mobilität der 1963 neu in das Zentralkomitee aufgenommenen
Mitglieder und Kandidaten (1958 +-1963) ................................ 210
TABELLE 28
Horizontale berufliche Mobilität der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1958 (1958 -* 1963) .......................................... 213
TABELLE 29
Horizontale berufliche Mobilität der 1963 neu in das Zentralkomitee aufgenommenen Mitglieder und Kandidaten (1958 +-1963) ........................ 214
TABELLE 30
Vertikale berufliche Mobilität und Eintritt in das Zentralkomitee .............. 215
TABELLE 31
Ausscheiden aus den1 Zentralkomitee 1958 und berufliche Position

217

TABELLE 32
Im Jahre 1963 in das Zentralkomitee neu aufgenommene Mitglieder und Kandidaten, die beruflich abgestiegen sind ........................................ 219
TABELLE 33
Im Jahre 1963 in das Zentralkomitee neu aufgenommene Mitglieder und Kandidaten, die aus Positionen der »mittleren Mitte« des Parteiapparates aufgestiegen sind 220
TABELLE 34
Aufstiegswege der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1958 u. 1963) 221
TABELLE 35
Wirtschaftsfunktionäre im Zentralkomitee 1958 ............................ 225
TABELLE 36
Wirtschaftsfunktionäre im Zentralkomitee 1963

226

TABELLE 37
Wirtschafts- und Landwirtschaftsfunktionäre (im weiteren Sinne) im Zentralkomitee (1958 und 1963) .............................................. 229
TABELLE 38
Die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros (1954 bis 1963) ................ 231
TABELLE 39
Die im Zentralkomitee vertretenen Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen
(1958 und 1963) ...................................................... 233
TABELLE 40
Die Anzahl der ZK-Mitglieder und -Kandidaten in der Volkskammer (1954,1958
und 1963) .......................................................... 235

XIV

Verzeichnis der Tabellen

TABELLE 41
Die Anzahl der ZK-Mitglieder und -Kandidaten im Ministerrat (1954,1958,1963
und 1965/66) ........................................................ 238
TABELLE 42
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees im Ministerrat (1954 bis
1965/66) ........................................................... 239
TABELLE 43
Die Anzahl der ZK-Mitglieder und -Kandidaten im Staatsrat (1960 und 1963) .. 244
TABELLE 44
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees im Staatsrat (1960 bis 1963) 246
TABELLE 45
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees mit Haupt- und Nebenfunktionen in Massenorganisationen (1958 bis 1963) ............................ 248
TABELLE 46
Die Anzahl der ZK-Mitglieder und -Kandidaten mit Haupt- und Nebenfunktionen in den'Präsidien ausgewählter Massenorganisationen (1958 und 1963)
250
TABELLE 47
Die Anzahl der ZK-Mitglieder und -Kandidaten mit Haupt- und Nebenfunktionen in den Vorständen (einschließlich Präsidien) ausgewählter Massenorganisationen (1958 und 1963) .................................................. 251
TABELLE 48
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1958 mit Nebenfunktionen in
ausgewählten Massenorganisationen ..................................... 253
TABELLE 49
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees 1963 mit Nebenfunktionen in
ausgewählten Massenorganisationen ..................................... 255
TABELLE AI
Im Zentralkomitee 1967 nicht mehr vertretene Mitglieder und Kandidaten des
'Zentralkomitees 1963 nach Funktionsbereichen und Positionen .............. 330
TABELLE A2
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1963 und 1967) nach Alter,. 336
TABELLE A3
Die Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1963 und 1967) nach dem
Datum ihres Partei eint ritts ............................................ 336
TABELLE A4
Die Anzahl der im »Neuen Deutschland« 1963 und 1967 veröffentlichten Angaben
über den erlernten Beruf der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees .... 337

Verzeichnis der Tabellen

xv

TABELLE AS
Verteilung der im »Neuen Deutschland« 1963 und 1967 veröffentlichten Angaben
über den erlernten Beruf der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees auf
die unterschiedenen Berufsgruppen ...................................... 338
TABELLE A6
Die im »Neuen Deutschland« veröffentlichten Angaben über den erlernten Beruf
der Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees (1963 und 1967) .......... 339
TABELLE A7
Verteilung der Hauptfunktionen der Mitglieder und Kandidaten bei ihrem Eintritt in das Zentralkomitee (1963 und 1967) auf die unterschiedenen Funktionsbereiche .......... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 344
TABELLE A 8
Positionen der Mitglieder und Kandidaten bei ihrem Eintritt in das Zentralkomitee (1963 und 1967) in den Hierarchien der unterschiedenen Funktionsbereiche 345
TABELLE A9
Wirtschafts- und Landwirtschaftsfunktionäre (im weiteren Sinne) in den Zentralkomitees von 1963 und 1967 ............................................ 346

ERLAUTERUNGEN

Zitierweise der Anmerkungen
Im Interesse einer schnellen Orientierung wird einer mehrfach zitierten Schrift in Klammern die Nummer der Anmerkung mit dem ersten, vollständigen Zitat beigefügt. Dabei gibt die römische Ziffer das Kapitel, die arabische Ziffer die Anmerkung selbst an.
Die Abkürzung a.a.O. wird nur verwendet, wenn sich die Angaben auf die gleiche
Quelle wie in der unmittelbar vorhergehenden Anmerkung beziehen; ebda. bedeutet
nicht nur die gleiche Quelle, sondern auch dieselbe Seitenzahl.

Wichtige Abkürzungen
ABI
AGF
AGL
APO
BfN
BGL
BMHW
BPO
COMECON
CSSR (CSR)
DAW
DDR
DEFA
DFD
DPZI
DRK
DSV
DTSB
FDGB
FD]
GBI.
GST
IWE

]P

KB
KdT
K]VD
KPD
KPdSU
KPO

Arbeiter-und-Bauern -Inspektion
Archiv für Gesamtdeutsche Fragen
Abteilungsgewerkschaftsleitung
Abteilungsparteiorganisation
Büro für Neuererwesen
Betriebsgewerkschaftsleitung
Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerke
Betriebsparteiorganisa tion
Council for Mutual Economic Assistance
Ceskoslovenska socialisticka republika
Deutsche Akademie der Wissenschaften
Deutsche Demokratische Republik
Deutsche Film-AG
Demokratischer Frauenbund Deutschlands
Deutsches Pädagogisches Zentralinstitut
Deutsches Rotes Kreuz
Deutscher Schriftstellerverband
Deutscher Turn- und Sportbund
Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
Freie Deutsche Jugend
Gesetzblatt
Gesellschaft für Sport und Technik
Informationsbüro West
] unge Pioniere
Kulturbund
Kammer der Technik
Kommunistischer] ugendverband Deutschlands
Kommunistische Partei Deutschlands
Kommunistische Partei der Sowjetunion
Kommunistische Partei Osterreichs

XVIII

KPR
LPG
MTS
NEP(NöP)

NF

NöSPL
NSDAP
NVA
PVAP
RGW
SAJ
SBZ
SDAPR
SED
SPD
SU
UdSSR
UTP
VdgB
VDJ
VEB
VVB
VVW
WTZ
ZK
ZKSK
ZPKK

Erläuterungen

Kommunistische Partei Rußlands
Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft
Maschinen-Traktoren-Station
Neue ökonomische Politik
Nationale Front
Neues ökonomisches System der Planung und Leitung
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
Nationale Volksarmee
Polnische Vereinigte Arbeiterpartei
Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe
Sozialistische Arbeiterjugend
Sowjetische Besatzungszone
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands
Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Sowjetunion
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Unterrichtstag in der Produktion
Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe
Verband der Deutschen Journalisten
Volkseigener Betrieb
Vereinigung Volkseigener Betriebe
Vereinigung Volkseigener Warenhäuser
Wissenschaftlich-Technisches Zentrum
Zentralkomitee
Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle
Zentrale ParteikontroIIkommission

VORWORT

Die politische Soziologie und die politische Wissenschaft beschäftigen sich in zunehmendem Maße mit Erscheinungen des politischen und sozialen Wandels von Herrschaftsund Gesellschaftsstrukturen. Den Tendenzen zur Veränderung und Umstrukturierung
von Teilsystemen stehen jedoch häufig Beharrungstendenzen anderer gesellschaftlicher
Teilbereiche gegenüber. Sozialer Wandel schließt deshalb latente und manifeste Konflikte ebenso ein wie sich in industriellen Gesellschaftsordnungen immer wieder neu
bildende Differenzierungsprozesse.
Der geistige, politische und soziale Wandel ist nicht auf Gesellschaftssysteme des
Westens und auf die Entwicklungsländer beschränkt. Er kann heute als weltweite
Erscheinung angesehen werden. Die Dynamik der Veränderung tradierter Strukturen
ist auch in der Sowjetunion, in den osteuropäischen Gesellschaften und in der DDR zu
beobachten. Sie wird durch das Postulat der Funktionstüchtigkeit von Wirtschaft und
Gesellschaft, das heute wohl die überwiegende Zahl der kommunistischen Parteiführer
im Ostblock vertritt, womöglich noch gesteigert. Die vorliegende Studie versucht,
die sich wandelnde Welt des Ostblocks in einem politisch-sozialen System, der DDRGesellschaft, zu erfassen. In der DDR sind heute die Kräfte der Dynamik denen der
Beharrung und der Statik vielleicht in besonders starkem Maß konfrontiert. Deshalb
ist diese Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit ebenso widersprüchlich wie für den
Analytiker reizvoll. Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich vor allem die Frage,
wie die aus dieser Konfrontation resultierenden Konflikte gelöst werden, welche organisationspolitischen Konsequenzen in einem System gezogen werden, das dem Zwang,
funktionieren zu müssen, in besonderem Maße ausgesetzt ist. Jedoch nicht nur die sich
wandelnden Formen der Herrschaft, sondern auch die Auslese und die Karrieren ihrer
Träger und schließlich die neuen Wege des ideologischen Selbstverständnisses und der
Rechtfertigung sind in einer sich verändernden Gesellschaft von Bedeutung. Der Natur
der Sache nach konnte nicht die Gesamtgesellschaft der DDR Gegenstand der Analyse
sein. Vielmehr sind Prozesse der Veränderung und der Differenzierung in nur einem allerdings dem politisch wichtigsten - Subsystem dieser neuen Gesellschaft: der SED,
während des letzten Jahrzehnts herausgearbeitet worden.
Obschon in den letzten Jahren zahlreiche Konzepte des politisch-sozialen Wandels von
der Soziologie vorgelegt worden sind, ist bisher keine verbindliche Theorie des Wandels ganzer Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen formuliert worden. Um so eher
sind deshalb Einzeluntersuchungen gehalten, Zusammenhänge zu klären, Bezugspunkte
aufzuweisen, Indikatoren herauszuarbeiten, die über die Analyse des Wandels von
gesellschaftlichen Teilstrukturen ganze Gesellschaftsordnungen der sozialwissenschaftlichen Forschung erschließen. Bezogen auf die vorliegenden Untersuchungen bedeutet
dies zunächst, die Kenntnis einzelner Bereiche des politisch-sozialen Systems in der DDR
zu vertiefen und zu erweitern. Deshalb enthält der vorliegende Band eine Reihe von
systematisch aufbereiteten Informationen, die in dieser Form und in diesem Umfang
seit den frühen Studien von Carola Stern und Ernst Richert über die SED im Westen
gegenwärtig kaum zur Verfügung stehen dürften. In dieser Arbeit ist jedoch nicht nur

xx

Vorwort

Material gesammelt worden. Vielmehr sind die Materialien in einen Deutungszusammenhang gebracht worden; denn erst theoretisch und methodologisch reflektierte Einzeluntersuchungen erlauben es, neue Möglichkeiten auch für die theoretische Besinnung
zu erschließen. Die Dynamik des Wandels richtet den Blick stets auf die Vergangenheit,
die Gegenwart und die Zukunft einer Gesellschaft. Historisch-soziologische Deskription wie soziologische und politik wissenschaftliche Analyse und Prognose sind deshalb
gleichermaßen gefordert.
In der vorliegenden Untersuchung haben theoretische und methodologische Probleme
jedoch auch deshalb ein gewisses Eigengewicht, weil sie sich mit Herrschafts- und GeseIlschaftsstrukturen befassen, die »hinter dem Eisernen Vorhang« liegen. So ist die
Theorie der Herrschaft noch immer mit dem - allerdings nicht mehr allzu aussagefähigen - Konzept des Totalitarismus belastet. So ist die Frage nach quantitativen
Analysen sozialer Prozesse in den Ländern des Ostblocks noch keineswegs gelöst. So
ist die gesellschaftspolitische Relevanz des neuen Revisionismus noch kaum erforscht.
Diese Probleme bedürfen einer Klärung (Kapitel I). Andererseits ist der »Vorhang«
so undurchdringlich nicht mehr. Eine Fülle von Materialien konnte in der vom Verfasser geleiteten Abteilung DDR-Forschung des Instituts für politische Wissenschaft
in langjähriger Arbeit gesammelt, analysiert und zu korrelierbaren Daten verarbeitet
werden. Im Anschluß an die vom Verfasser im Jahre 1964 herausgegebenen Studien und
Materialien zur Soziologie der DDR (Westdeutscher Verlag, Köln-Opladen) kann nunmehr eine weitere, erheblich präziser gearbeitete sozialwissenschaftliche Untersuchung
vorgelegt werden. Diese Analyse unternimmt es, einen seinerzeit ausgeklammerten Teilausschnitt des Herrschafts- und Gesellschaftssystems der DDR, die Führungsgremien
der SED, über einen Zeitraum von 12 Jahren vergleichend zu erfassen. Damit sollen
die Studien und Materialien zur Soziologie der DDR ergänzt und neue Wege der
DDR-Forschung aufgewiesen werden.
Die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros, die Sekretäre der Zentralkomitees und
die Mitglieder und Kandidaten der Zentralkomitees in den Jahren 1954 bis 1966/67
sind in dieser Studie nach bestimmten Merkmalen empirisch untersucht worden (Kapitel 111). Diese Merkmale sind für jede einzelne der untersuchten Personen zu einem
biographischen Datengerüst zusammengestellt worden. Die Umformung heterogenen
biographischen Materials in Daten ermöglichte eine Reihe von Korrelationen, die nicht
nur eine gen aue re überprüfung bereits gesicherter Erkenntnisse, sondern die auch neue
Einsichten in die politisch-soziale Wirklichkeit der DDR ergeben haben. Einem solchen
Datengerüst können durch Fortschreibung von Positions- beziehungsweise Funktionsänderungen der Führungsgruppen in der DDR in zukünftig durchzuführenden Analysen ohne Schwierigkeiten weitere Merkmale eingefügt werden. Ferner können diese
Daten als Grundlage für vergleichende Eliteuntersuchungen, vor allem der DDR und
der Sowjetunion, jedoch auch der DDR und anderer Gesellschaften des Ostblocks
dienen.
Der Analyse der Sozialstruktur der SED-Führungsspitze sind Untersuchungen der
Organisationsstruktur des Parteiapparat~s an die Seite gestellt worden (Kapitel 11).
Hier standen das Zentralkomitee, die 1963 gebildeten Büros und Kommissionen beim
Politbüro und bei den Sekretariaten der Bezirksleitungen sowie die Arbeiter-und-Bauern-Inspektionen (ABI) und die Produktionskomitees im Mittelpunkt der Untersuchung.
Auf Grund der leitenden Fragestellung dieser Arbeit und unter dem hier gewählten
systematischen Aspekt können diese ausgesuchten Suborganisationen innerhalb größerer Organisationssysteme erhöhte Aufmerksamkeit beanspruchen. Schließlich sind bestimmte Züge des ideologischen Systems, besonders neuere Aspekte des Revisionismus,
herausgearbeitet worden (Kapitel IV).
Obwohl in der vorliegenden Arbeit Veränderungen im Funktionsaufbau des Partei-

Vorwort

XXI

apparates und Wandlungen in der Sozialstruktur bis in die Jahre 1966/67 hinein verfolgt worden sind, konnten die Ergebnisse des VII. Parteitages der SED im April 1967
nur noch zum Teil in das bereits gesetzte Manuskript eingearbeitet werden (vgl. jedoch
den Exkurs über den VII. Parteitag im Anhang). Dasselbe gilt für die neue Zusammensetzung des Ministerrates und der Volkskammer im Juli 1967.
Dem in dieser Studie vertretenen Prinzip, politische Werturteile und Sachaussagen zu
trennen, entspricht es, wenn alle Institutionen mit dem Namen bezeichnet werden, den
sie sich selbst gegeben haben. Dies ist zudem eine international in der Wissenschaft
gebräuchliche Verfahrensweise. Deshalb wird für die Zeit bis 1949 die Bezeichnung
Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und für die Jahre seit 1949 die Bezeichnung Deutsche
Demokratische Republik (DDR) verwandt. Damit wird kein Urteil über die Legitimität des Herrschaftssystems der SED abgegeben. Zu dieser Frage sei vielmehr auf die
Aussagen im vorliegenden Band selbst verwiesen.
Der Verfasser ist zahlreichen Persönlichkeiten und Institutionen zu Dank verpflichtet.
An erster Stelle ist hier seine langjährige Arbeitsstätte, das Institut für politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, zu nennen. Der Verfasser dankt vor allem
dem Wissenschaftlichen Leiter des Instituts, Prof. Dr. Otto Stammet, für stets großzügig gewährte Forschungsmöglichkeiten. Ohne das Interesse und die zahlreichen
direkten und indirekten Hilfen, jedoch auch das Verständnis und die Geduld, die Prof.
Stammer dem Verfasser gegenüber stets gezeigt hat, ohne das Material und die Hilfsbereitschaft zahlreicher Mitarbeiter des Instituts und besonders der Abteilung DDRForschung hätte die vorliegende Arbeit kaum geschrieben werden können. Weiterhin
hat das Archiv für Gesamtdeutsche Fragen, Bonn, und in erster Linie dessen Leiter,
Dr. Werner Leimbach, den Verfasser jahrelang mit Material und Auskünften bereitwillig unterstützt. Auch ihm sei an dieser Stelle gedankt.
Die Professoren Otto Stammer, Hans-Joachim Lieber und Richard Löwenthai haben
sich der Mühe unterzogen, das ganze Manuskript zu lesen. Der Verfasser verdankt
dieser Lektüre zahlreiche Anregungen und Hinweise. Das gesamte Manuskript lasen
ferner die Mitarbeiter des Verfassers: Dipl.-Soz. Ursula Steudel, Dipl.-Pol. Hartrnut
Zimmerman und cand. phil. Barbara Heidenhain. Ursula Steudel und Barbara
Heidenhain stellten darüber hinaus ihre Hilfe für die Auszählungen im 111. Kapitel
dieser Arbeit zur Verfügung und lasen die Korrekturen. Ursula Steudel, Hartmut
Zimmermann und Barbara Heidenhain diskutierten mit dem Verfasser große Teile
der Arbeit ausführlich, halfen beim Auffinden neuen und der Präzisierung bereits
vorhandenen Materials und zwangen den Verfasser, seine Thesen und Begründungen
immer wieder zu durchdenken. Ihre Aufgeschlossenheit und freundschaftliche Hilfe
sind der Arbeit vielfach zugute gekommen. Der Verfasser verdankt ferner den lebhaften
Diskussionen in seinem Seminar über den »Revisionismus in der DDR« am Otto-SuhrInstitut der Freien Universität Berlin während des Sommersemesters 1967 zahlreiche
Anregungen, die in der überarbeitung des IV. Kapitels noch verwendet werden konnten.
Gertrud Schöne und Karin Weidler haben mit unermüdlichem Einsatz die verschiedenen
Fassungen der vorliegenden Studien geschrieben, Karin Weidler hat auch bei der technischen Gestaltung der Tabellen im III. Kapitel und beim Lesen der Korrekturen
geholfen. Albrecht Schultz hat die Arbeit nicht nur als Redaktor, sondern auch als stets
ausgleichender Mittler gegenüber den verschiedenen Wünschen und Interessen mit großemEinfühlungsvermögen betreut. Ihm und Dipl.-Soz. Irmhild Scholz ist die Bearbeitung der Register zu danken. Die Herren DipI.-Pol. Ralf Rytlewski, cand rer.
pol. ]ürgen Boese, cand. phil. Hanns-Michael Hepp, cand. phil. Johannes Kuppe, cand.
phiI. Mihaly Lezsak und cand. rer. pol. Erhard Stölting haben einen wesentlichen' Teil
der Fahnen- und Umbruchkorrekturen gelesen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft
hat die Drucklegung des Bandes, der von der Philosophischen Fakultät der Freien

XXII

Vorwort

Universität Berlin 1966 als Habilitationsschrift angenommen worden ist, mit einem
Druckkostenzuschuß unterstützt. Der Westdeutsche Verlag, besonders Verlagsdirektor
Georg Zänker, hat die - trotz allen Schwierigkeiten - termingerechte Veröffentlichung
der Arbeit ermöglicht. Allen aufgeführten Personen und Institutionen dankt der Verfasser auch an dieser Stelle.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß der Verfasser für alle Irrtümer, Fehler und Unvollständigkeiten, die die vorliegende Arbeit enthalten mag, allein verantwortlich ist.
Berlin, im Juli 1967
Peter Christian Ludz

VOR WORT ZUR DRITTEN AUFLAGE

Unerwartet schnell waren die ersten beiden Auflagen vergriffen. Ich habe mich dennoch
entschlossen, einer dritten, lediglich auf Fehler durchgesehenen Auflage zuzustimmen.
Dafür waren verschiedene Gründe maßgebend: Die in diesem Buch analysierten Entwicklungstendenzen innerhalb der Führungsspitze der SED, im Organisationssystem,
der Partei wie im ideologischen Bereich haben sich m. E. auch in den letzten bei den
Jahren fortgesetzt. Der Zug zur Differenzierung, Rationalisierung und Effizienzsteigerung in der Gesamtgesellschaft der DDR ist unverkennbar - und heute eher noch
deutlicher ausgeprägt als in den Jahren 1965 bis 1967. Dem korrespondiert auch gegenwärtig die Verfachlichung der Führungsgremien und der zunehmende Einsatz jüngerer,
besser ausgebildeter Parteiexperten - ein Prozeß, der von der schrittweisen Ablösung
fachlich nicht versierter Funktionäre begleitet wird. Im Parteiapparat sind die bereits
1964 erkennbaren, seit 1965 voll sichtbar gewordenen Umorganisationen der internen
Kontrolle weitergeführt worden. Andererseits hat die SED-Führung in den letzten
beiden Jahren ihre Versuche, die Partei zu »modernisieren« und den Erfordernissen
einer dynamischen Leistungs- und Laufbahngesellschaft anzupassen, noch verstärkt. Im
ideologischen Bereich hat sich der 1964/65 eingeleitete Entwicklungsprozeß, der mit der
Rezeption der westlichen empirischen Soziologie, der systems analysis, der Kybernetik
und des operation research begann, fortgesetzt.
Khnlich verhält es sich mit meiner Konzeption zum Problem des Totalitarismus, der
von der Kritik immer wieder Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Soweit es sich
um ernstzunehmende Einwände handelte, richteten diese sich insbesondere gegen den
Verzicht auf das Totalitarismuskonzept als leitender Fragestellung. Gerade in bezug
auf diese Problematik glaube ich jedoch, trotz sorgfältiger Prüfung, meine Auffassung
nicht ändern zu müssen. Im Gegenteil: Die gegenwärtigen Diskussionen in der amerikanischen politischen Wissenschaft und politischen Soziologie und nicht zuletzt die
Entwicklungen der internationalen Osteuropa-Forschung scheinen meine Konzeption
in wesentlichen Punkten zu bestätigen. Eine Tendenz zur sachlichen Diskussion, zur
Vermeidung normativer Konzepte und Begriffe in der empirischen Forschung und
zur Verfeinerung der Methoden ist, besonders in vergleichenden empirischen Analysen,
fast überall zu beobachten.
Ebenso glaube ich meine Einschätzung der Parteifachleute innerhalb der SED eher
bestätigt zu finden. Zahlreiche Kritiker haben behauptet, daß ich den politischen Einfluß der Experten und Technokraten in der SED überschätze. Dieser Einwand ist
insofern hinfällig, als in meiner Arbeit der politische Einfluß der »strategischen Clique«,
d. h. der zumeist älteren Parteifunktionäre ohne Expertenausbildung, immer wieder
betont worden ist.
New York City, im Februar 1970

Peter Christian Ludz

I. Kapitel

THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN

1. Der Gegenstand der Untersuchung
In der vorliegenden Studie werden Veränderungen des politischen Systems und der
Gesellschaftsordnung in der DDR, die seit einigen Jahren erkennbar sind, empirisch
und systematisch untersucht. Der organisatorische Aufbau und die soziale Struktur
der politischen Entscheidungsgremien: das Zentralkomitee der SED, das Politbüro und
das Sekretariat des Zentralkomitees, stehen im Vordergrund der Analyse. Erscheinungen des Wandels in der SED wie in zahlreichen anderen Bereichen von Wirtschaft und
Gesellschaft der DDR beginnen seit etwa 1956/57 immer deutlicher hervorzutreten.
Ihre Spuren sind in der Organisationsstruktur dieser Partei ebenso zu finden wie in
der sozialstrukturellen Zusammen~etzung ihrer Führungsgremien und der in ihnen wirkenden Eliten; sie sind im ideologischen Kernbereich des Marxismus-Leninismus ebenso
nachzuweisen wie auf dem Feld der »operativen« Ideologie, also der Auslegung des
Kerndogmas durch die Parteispitze.
Die gegenwärtig zu erkennende breite Auffächerung von Veränderungen im SEDParteiapparat und in der DDR-Gesellschaft ermöglichen es, einige Thesen zu formulieren, welche die folgende Untersuchung leiten:
Gegenwärtig bestehen in der DDR verschiedene gesellschaftspolitische Entwicklungstendenzen. Sie sind zum Teil antinomisch und damit konfliktreich angelegt.
Einzelne der in den Entwicklungstendenzen angelegten politischen und sozialen
Konflikte werden dominant 1.
Die SED als die politisch herrschende Partei in der DDR ist gleichermaßen integraler Bestandteil der DDR-Gesellschaft wie sie sich, zumindest in ihren Führungsgremien, immer wieder von dieser Gesellschaft distanzieren muß. Die Ausübung von Herrschaft ebenso wie die künstliche Distanzierung von der Gesellschaft erzeugen Konflikte, die auf die gesamte Gesellschaftsordnung der DDR
ausstrahlen. Konflikte gesamtgesellschaftlicher Natur wirken ebenso in die SED
hinein, wie sie von der Parteiführung ausgelöst und von ihr gesteuert werden.
Die SED, als in der Tradition politischer Geheimbünde verwurzelte Organisation, ist zusätzlich von immanenten, nur aus ihrer geschichtlichen Entwicklung
zu begreifenden Konflikten beeinflußt. Auf die Geheimbundtradition sind
prinzipiell zwei Arten von Konflikten zurückzuführen: einmal »nach
außen« auf die als »feindlich« und »fremd« begriffene Gesellschaft ausgerichtete.
Diese Konflikte können als Anpassungskonflikte spezifischer Art bezeichnet werden. Konflikte sind zum anderen als »nach innen« gerichtet zu bestimmen: In der
Organisation des »Bundes« beziehungsweise der spezifischen Ausprägung kleiner
1

Im folgenden steht also bei der Analyse der DDR·Gesellschaft nicht so sehr der Inte~rations-. sondern vielmehr
der Konfliktaspekt im Vordergrund. Dabei werden Konflikte stets ebenso als soziale wie als politische verstanden. Zur soziologischen Analyse des sozialen Konflikts vgl. vor allem Ralf Dahrendorf •• Die funktionen
sozialer Konflikte •• in: ders., Gesellschaft und Freiheit. Zur soziologischen Analyse der Gegenwart, München
1961. S. 112 ff.; sowie Lewis A. Co"r. Theorip <ozialer Konflikte (SozioloRische Texte. Bd. 30). Neuwied-Berlin
1965. Zur marxistiscnen Auffassung des Konflikts neuerdings: ]aroslav KloHc und Vojtech Tlusty, »Die soziologische ,Theorie des Konflikts< und die dialektische Theorie der Widersprüche<. in: Soziale Welt. 16. ]g. (196~).
Heft 4, S. 309 ff.

I. Kapitel

2

-

-

-

Gruppen, wie sie sich in politischen Geheimbünden des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts darstellt, bestehen zwischen der Ideologie der Führer und der Organisation der Mitglieder nicht nur Interdependenzen, sondern auch Spannungen und
Anpassungskonflikte im engeren Sinne. Diese von Lenin für die kommunistischen
Parteien explizierte Problematik kannten zwar schon Weitling und Marx vor ihm.
Jedoch erst Lenin hat mit voller Deutlichkeit und immer wieder darauf hingewiesen, daß das kritisch~utopische Programm der kleinen Gruppe und deren Organisation ständig aufeinander abgestimmt und einander angepaßt werden müssen.
Die Konflikte innerhalb einer kommunistischen Partei sind damit vielfältigen
Ursprungs und artikulieren sich einmal im organisatorischen und ideologischen
Bereich; andererseits werden sie im Wandel der Sozialstruktur der Parteiführung
manifest. Der Zusammenhang zwischen Innen- und Außenkonflikten ist dabei
keineswegs nur im Sinne von Lewis Coser zu deuten: Nicht nur die Konflikte
mit Außengruppen der DDR-Gesellschaft bestimmen Aufbau und Grenzen
der SED als Organisation, sondern die aus der Tradition dieser Partei in der
deutschen und russischen Geschichte erwachsenen Konflikte gewinnen als Innenkonflikte ein Eigengewicht.
Die Träger der Konflikte sind in der gegenwärtigen Situation relativ eindeutig
bestimmbar. Unter gesamtgesellschaftlichem Aspekt handelt es sich um die jüngere, in der DDR groß gewordene Nachkriegsgeneration und um die sich von
dieser Nachkriegsgeneration abhebende ältere Generation. Konflikte werden dadurch ausgelöst, daß heute auch in der DDR-Gesellschaft verschiedene Verhaltensmuster, soziale Leitbilder und Normen nebeneinander bestehen und miteinander in Konkurrenz treten. Leitbilder und Normen stehen auch in der DDR-Gesellschaft in engem Zusammenhang mit den Generationen. Nicht ohne weiteres
jedoch können die »neuen« Leitbilder der jüngeren, die traditionellen Normen
dagegen lediglich der älteren Generation zugerechnet werden.
Unter dem Aspekt der immanenten Entwicklung der SED ist gegenwärtig auf
zwei hervorragende Konfliktträger hinzuweisen: Auf der einen Seite steht die
eigentlich politisch tragende, noch stark an der Geheimbund-Tradition orientierte
Führungsgruppe, die hier als »marginal« gekennzeichnet werden soll; auf der
anderen Seite stehen Parteifachleute, die die wirtschaftlichen (beziehungsweise
gesellschaftspolitischen) Entscheidungen maßgeblich mit beeinflussen. Sie sind
auch innerhalb des Parteiapparates selbst modernen Organisationsformen gegenüber relativ aufgeschlossener und dem Leistungsprinzip in seiner aus dem kapitalistischen Betrieb hervorgegangenen Gestalt verpflichtet.
Gesamtgesellschaftliche und partielle Entwicklungstendenzen durchkreuzen und
überlagern sich. Dieser Prozeß führt seinerseits sowohl der Parteientwicklung
immanente als auch gesamtgesellschaftlich relevante Konflikte mit sich.
Der gesamtgesellschaftliche wie der partielle Charakter der Konflikte innerhalb
der SED spiegeln sich in der Ablösung der älteren Generation und im Aufstieg
neuer Eliten. Jede Parteioligarchie, und besonders die kommunistische, neigt zur
Überalterung. Insofern kommt dem Generationenproblem in der DDR eine besondere Bedeutung zu. Der Generationenwechsel, die Konkurrenz von Verhaltensweisen, sozialen Normen und Leitbildern tragen, verglichen mit der Bundesrepublik, in der DDR im allgemeinen 'und in der SED im besonderen spezifische
Merkmale: Sowohl die ideologischen und beruflichen Leitbilder der jüngeren
Generation wie das Anwachsen der großen bürokratisd1en Apparate und der
allgemeine Trend zur ökonomisierung aller Lebensbereiche haben nicht nur verschiedene Verhaltensmuster, sondern auch verschiedene Karrierewege und Regeln
des Aufstiegs innerhalb und außerhalb des Parteiapparates der SED mit sich

Theoretischer Bezugsrahmen

3

gebracht. Dieser Entwicklung entspricht eine zunehmende berufliche Aufstiegsmobilität der Experten und der fachlich geschulten Funktionäre einerseits, eine
grosso modo abnehmende und damit Abstiegsmobilität der fachlich nicht ausgewiesenen Funktionäre andererseits.
- Das Anwachsen der großen bürokratischen Apparate in der DDR wird begleitet von einem Auseinanderrücken und damit auch einer stärkeren Konkurrenz der Großbürokratien, besonders des SED-Parteiapparates und des Staatsapparates (einschließlich des Wirtschafts- und des Wissenschaftsapparates) in der
DDR. Die Austauschbarkeit der Positionen in Partei und Staat, wie sie für leitende SED-Funktionäre traditionell gegeben war, ist zwar formal bisher nicht
aufgehoben worden. Sie tritt in der Praxis gegenwärtig jedoch tendenziell weniger
in Erscheinung.
- Mit der stärkeren Verselbständigung der großen Bürokratien, insbesondere
des Staats- und des Wirtschaftsapparates gegenüber dem Parteiapparat, ist eine
institutionelle Basis für die aufstrebenden neuen Eliten gegeben.
- Eine Analyse der soeben skizzierten Widersprüche und Konflikte im organisatorischen, sozialstrukturellen und ideologischen Bereim der SED sowie· eine zureichende Bestimmung der Struktur dieser Konflikte vermögen eine Grundlage zu
smaffen für die Feststellung von Regelmäßigkeiten beziehungsweise Invarianten, die in sich wandelnden Industriegesellschaften bolschewistischen Typs zu
beobachten sind.
Die soeben formulierten Thesen lassen sim in bezug auf das politische System der DDR
in einem leitenden Gedanken zusammenfassen: Die SED als eine in ihrem Ursprung
totalitäre Partei tendiert unter den Bedingungen des politischen, sozialen und geistigen
Wandels, wie er sim in den Jahren nach Stalins Tod im Ostblock und mit einer gewissen Verzögerung auch in der DDR abzeichnet, zur autoritären Partei. Die autoritäre
Partei etabliert autoritäre Herrsmaft, die hier, wie die totalitäre, als eine bestimmte
Herrschaftsform industrieller Gesellschaften verstanden wird. Sie ist im wesentlichen
durch folgende Merkmale von der totalitären unterscheidbar: Die autoritäre Herrschaft stützt sich zwar wie die totalitäre, im Sinne Martin Draths, auf eine Weltanschauung umfassenden Inhalts; diese Weltanschauung ist ihr jedoch »vorgegeben«
und muß deshalb nicht erst jeweils neu geschaffen und permanent mit Hilfe von Terror
durchgesetzt werden 2. Darüber hinaus ist autoritäre Herrschaft gegenüber totalitärer
Herrschaft durm eine größere Flexibilität des Kontrollsystems und damit durch größere Anpassungsmöglichkeiten der verschiedenen Organisationssysteme an den wissenschaftlich-technismen Fortschritt gekennzeichnet. Ferner: Während totalitäre Herrschaft ein relativ starres System von Kontrollen benötigt, sind im Rahmen einer autoritären Herrschaftsordnung auch flexiblere Koordinierungs- und Kooptierungszwänge
gegeben. Das differenzierter gewordene Kontrollsystem wird durch Koordinierungsvereinbarungen der verschiedensten Art ergänzt. Autoritäre Herrschaft basiert prinzipiell nicht auf dem Massenterror, sondern auf einer spezifischen Form der Gruppenidentifikation, die durch die Organisationsstrukturen in Partei, Staat und Wirtschaft
erreicht wird. Sie gründet sich auf eine gemeinsame Haltung, ein »gemeinsames Bewußtsein«, eine »offene« Haltung bestimmten Aufgaben gegenüber. Schließlich ist
autoritäre Herrschaft in einem kommunistischen System unter den Bedingungen industrieller Gesellschaft durm die Anerkennung oder doch Duldung von sozialen Konflikten von seiten der Führungsgruppen charakterisiert. Konflikte werden nicht mehr notI

Vgl. dazu Martin Drath, .Totalitarismus in der Volksdemokratie., Einleitung zu: Ernst Richert, Macht ohne
Mandat. Der Staatsapparat in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (Schriften des Instituts für politische
Wissensd,aft, Bd. 11), 2. Aufl., Köln-Opladen 1963, S. XXVII und passim.

4

I. Kapitel

wendig als disfunktional für die Stabilität des politischen Systems, sondern auch, wie
Lenin sagt, als »Motoren der Entwicklung« angesehen. Allerdings ist der Anerkennung
beziehungsweise Duldung von Konflikten eine doppelte Grenze gesetzt: Konflikte und
von den Verhaltensmustern der Parteiführung divergierende Verhaltensweisen können
sich zwar in der DDR-Gesellschaft heute artikulieren, jedoch nicht eigenständig politisch organisieren. Konflikte werden von der SED-Führung lediglich unter der Voraussetzung ihrer zentral gesteuerten überwindbarkeit, ihrer »Integrierbarkeit«, anerkannt. Welche Konflikte dabei jeweils als integrierbar angesehen werden, ist apriori
schwer zu entscheiden. Die Spitzengremien der Partei versuchen prinzipiell, die Konflikte, die jeweils gelöst werden sollen, auch heute noch selbst zu bestimmen.
Die Anerkennung beziehungsweise Duldung von Konflikten mit den soeben skizzierten Einschränkungen läßt eine Veränderung der Politik des Politbüros erkennen:
Die strikte Ausübung der Macht, die in den ersten beiden Aufbauphasen der DDRGesellschaft bis zu den Jahren 1952 beziehungsweise 1958 wesentlich von der Notwendigkeit, den politischen Führungsanspruch der SED durch verschärfte Kontrollen
und Sanktionen zu sichern, getragen war, hat in den Ausbauphasen dieser Gesellschaft,
die in Ansätzen bereits seit 1958, vor allem jedoch seit 1963 zu erkennen sind, wesentlich neue Züge gewonnen. Verwaltung und Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft
treten jetzt stärker in den Vordergrund. Der kämpferische Gebrauch der Macht, der
die ersten Phasen der Politik des SED-Politbüros charakterisierte, wird gegenwärtig
abgebaut. Die SED setzt ihren Herrschaftsanspruch in weit stärkerem Maße auf Grund
und mit Hilfe von» Vereinbarungen« (Stammer) durch.
Die Führungsgremien der politischen Parteien in der Sowjetunion und den Ländern
des Ostblocks stehen allerdings weiterhin vor dem Problem, die Dynamik der wissenschaftlichen und der wirtschaftlich-technischen Entwicklung immer wieder unter Kontrolle zu bekommen. »Kontrolle« heißt seit dem XX. Parteitag der KPdSU jedoch
tendenziell immer weniger Massenterror. Auch zu Zeiten des Hochstalinismus waren
»Terror« und »Kontrolle« nicht als identisch anzusehen, wenn auch beide Formen des
Zwanges sehr viel enger verbunden waren als in der Gegenwart. Kontrolle durch die
Partei bedeutet unter den Bedingungen der Industriegesellschaft und unter Berücksichtigung der Funktionstüchtigkeit des Gesellschaftssystems in steigendem Maße die Ablösung des Terrors durch ein breit angelegtes und fein abgestuftes System institutiollalisierter sozialer Kontrollen.
Wenn dieser in den letzten Jahren zu beobachtende Wandel struktureller Natur ist,
stellt sich das Problem einer neuen Beurteilung der totalitären Parteien. Eine solche
Neueinschätzung hat im wesentlichen zwei Fragen zu beantworten: einmal die Frage
nach der Sicherungsgrenze der Macht der Parteiführung, zum anderen die Frage nach
den Bedingungen der Möglichkeit, die Herrschaftstechniken der Parteiführung immer
erneut einer sich schnell wandelnden hochindustrialisierten Gesellschaftsordnung anzupassen. Beide Fragen sollen durch die vorliegende Arbeit einer Beantwortung besser
zugänglich gemacht werden, als dies bisher geschehen konnte.
Im Rückgriff auf die Unterscheidung von totalitärer und autoritärer Herrschaft ist folgende Grundhypothese zu formulieren: Wenn konstitutive Merkmale der industriellen
Gesellschaft, in erster Linie der in ihr vorherrschende Organisationstyp, von der Parteiführung der SED implizite oder explizite anerkannt werden, dann wandelt sich die
totalitäre Herrschaft zur autoritären. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt setzt
eine Reihe von Kräften frei, die funktionale und disfunktionale Konflikte für das
Herrschaftssystem in der DDR mit sich bringen. Er begünstigt die Differenzierung der
politischen Führungsgruppe und führt neue, konkurrierende Eliten herauf, so daß die
totale Durchdringung der Gesellschaft durch das ideologische Wollen einer Partei
gegenwärtig in weit schwächerem Maße gegeben ist und Schwankungen im Sanktio-

Theoretischer Bezugsrahmen

5

nenvollzug der herrschenden Gruppen fast unvermeidlich werden 3. Die Formulierung
dieser Grundhypothese führt zu einer weiteren theoretischen Besinnung: Eine sozialwissenschaftlich-empirische Untersuchung eines zwar in sich komplexen, dennoch relativ begrenzten Ausschnittes der Gesellschaft, der SED-Führung, gewinnt erst Konturen, wenn sie über ihren unmittelbaren Untersuchungsgegenstand hinaus die Gesamtgesellschaft mit reflektiert. Dabei wird unter »Gesamtgesellschaft« ebenso die von
der SED-Führung jeweils intendierte Gesellschaft, das Gesellschaftsbild der Partei, begriffen wie die tatsächlich vorhandene gesellschaftliche Wirklichkeit der DDR. Ein solches Konzept der Gesellschaft scheint sich aus der Beobachtung der DDR-Gesellschaft
ebenso anzubieten wie von der Aufgabenstellung der vorliegenden Studie her. Es scheint
überdies insofern sinnvoll, als es eine theoretische Analyse seines Gegenstandes ermöglicht; denn auch darin, im einzelnen das niemals völlig strukturierbare Ganze wenigstens mit zu reflektieren, liegt die über den zum Zeitpunkt der Untersuchung stets
bereits historisch gewordenen Wert empirischer Datenerhebung und -auswertung
hinausgehende Relevanz empirischer Arbeiten 4. Diesem Anspruch genügen Elitenstudien im allgemeinen, vor allem jedoch Analysen von Eliten in totalitär beziehungsweise totalitär/autoritär verfaßten Gesellschaftssystemen. Denn die Veränderungen
innerhalb der in solchen Gesellschaftsordnungen herrschenden Eliten sind - wie
etwa Harold D. Lasswell und Daniel Lerner behaupten - ein wesentlicher Indikator, um den sozialen, geistigen und politischen Wandel in diesen Systemen adäquat zu
erfassen und zu beurteilen.
Die theoretischen Bezüge der vorliegenden Elitenstudie zielen auf die Bedingungen und
die Konsequenzen des Wandels im organisatorischen, sozialstrukturellen und ideologischen Bereich der Partei elite für die Gesamtgesellschaft der DDR. Sie gehen damit
über den sehr viel enger gefaßten Bezugsrahmen traditioneller Elitenstudien hinaus. Im
Zusammenhang dieser überlegungen wird Partei zunächst als organisatorisch widersprüchlich, formal durch das Institut des »demokratischen Zentralismus« gekennzeichnetes Subsystem verstanden, während Gesellschaft das umfassende Sozial system, also
den Gesamtzusammenhang und die Interdependenz aller gesellschaftlichen Subsysteme,
bezeichnet. Unter Eliten verstehen wir zunächst die Mitglieder der strategischen, das
heißt politischen Führungsgruppen. Die Fragen nach den Bedingungen und den Konsequenzen der sozialen Mobilität und damit des Wandels eines Teils der Partei erweitern
sich zum Problem des Wandels der DDR-Gesellschaft als solcher. Denn wenn die Veränderungen in der Parteispitze tatsächlich struktureller und nicht nur aktueller Natur
sind, werden sie auch für andere Bereiche der DDR-Gesellschaft festzustellen sein beziehungsweise werden sich ihre Auswirkungen auch auf diese erstrecken.
Vor dem Hintergrund dieser Konzeption kann folgender Fragenkatalog für die
vorliegende Untersuchung entworfen werden: Wie und in welchem Maße hängt die
Umstrukturierung des Kontrollsystems der SED mit dem Wandel der Sozialstruktur
der Führungselite dieser Partei und dem Wandel des ideologischen Dogmas zusammen?
Verlaufen die Prozesse in diesen drei Bereichen parallel oder gegenläufig zueinander - oder verlaufen sie zwar parallel, jedoch mit zeitlicher Verschiebung, und schaffen sie durch solche Verzögerung zusätzliche Konflikte? Wieweit schränkt die Differenzierung des Kontrollsystems der SED die politischen und organisatorischen Machtpositionen ihrer Führungsgruppen ein? Unter welchen Bedingungen kann die politische
Führungselite die Anpassung an geforderte neue Rollen und Verhaltensweisen ab3

4

Näheres dazu im Aufsatz des Verfassers: Peter Christian Ludz, »Entwurf einer soziologisdlcn Theorie totalitär
verfaßter Gesellschaftl<, j'n: Studien und Materialien zur Soziologie der DDR) hrsgg. von Petcr Christian Ludz
(Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheit 8), Köln-Opladen 1964, S. 19 H.
Dazu Gösta Carlsson, ),Betrach[un~en zum Funktionalismus"" in: Logik der Sozialwissenschaften, hrsgg. von
Ernst Topitsch (Neue wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 6), Köln-Bcrlin 1965, S. 236 H.

6

I. Kapitel

lehnen beziehungsweise annehmen? Wie verhalten sich, unter dem Zwang von Technisierung, Industrialisierung und Spezialisierung, das in der SED gleichermaßen verwirklichte Prinzip der Kader- und das der Mitgliederpartei zueinander? Wieweit zieht
die politische Führungselite sich etwa aus der Kontrolle aller Bereiche in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur auf einige »Kommandohöhen« zurück und gibt
damit konkurrierenden Gruppen innerhalb und außerhalb der Partei die Möglichkeit
des sozialen Aufstiegs und der Beeinflussung politischer Entscheidungen? Wie und in
welchem Umfang schlägt sich das Leistungsprinzip (im Sinne ökonomischer Rationalität und Effizienz) in der Führungsauslese der Nachwuchskader nieder? Haben sich gegebenenfalls auch in der DDR neue Eliten mit eigenen Karrieremustern herausgebildet?
An welchen Indikatoren ist der soziale Aufstieg der neuen Eliten in der DDR zu
messen? Wie verhalten sich »alte« und »neue« Eliten zueinander?
Die Beantwortung dieser Fragen wird im Vordergrund der drei materialen Teile dieser Arbeit stehen. Sie seien im folgenden kurz skizziert: Vor allem seit dem VI. Parteitag der SED (15. bis 21. Januar 1963) haben sich bemerkenswerte Veränderungen
im Aufbau des Parteiapparates abgezeichnet. Die Veränderungen standen in genuinem
Zusammenhang mit den strukturellen Reformen der Partei- und Staatsverwaltungen
in der Sowjetunion. Offensichtlich war die Umstrukturierung im Partei-, im Staatsund im Wirtschaftsapparat der DDR an Chruschtschows »Großer Verwaltungsreform« vom November 1962 orientiert 5. In der DDR war die Neuorganisation
der Bürokratien damit in der Form zunächst politisch bedingt: Die Abhängigkeit von
der Sowjetunion war nicht zu übersehen. Ähnlich wie in der Sowjetunion zeigten sich
bereits Ende des Jahres 1962 auch in der DDR Bestrebungen, die Partei-, Staats- und
Wirtschaftsbürokratien einerseits womöglich noch enger miteinander zu verschmelzen,
andererseits diese Bürokratien näher an die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische
»Praxis« heranzurücken 8.
Von dieser politisch bedingten Entwicklung, der Anpassung an die Veränderungen
in der Sowjetunion, ist dagegen ein anderer Trend relativ unberührt geblieben: In der
DDR hat sich der Parteiapparat seit 1963 weit stärker als in den vorangegangenen
Jahren der Dynamik der wirtschaftlich-technischen Eigenentwicklung der Gesellschaft
angepaßt, wie sie programmatisch im »neuen ökonomischen System der Planung und
Leitung der Volkswirtschaft« (NOSPL) gefordert wurde. Die Kontrolle der Wirtschaft durch den Ministerrat und seine Organe wird seitdem von der sogenannten
»operativen Anleitung« durch die Partei ergänzt. Diese Anpassung ist, wie zu
zeigen sein wird, nicht ohne Folgen für die Struktur der verschiedenen Organisationssysteme in der DDR geblieben.
Obwohl seit dem Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 zahlreiche seiner Reformen
in der Sowjetunion wieder rückgängig gemacht worden sind, ist Ulbricht diesen neuerlichen Umorganisationen bis heute nur zum Teil gefolgt. Zwar ist im Anschluß an
das September-Plenum der KPdSU (1965) auch in der DDR der Volkswirtschaftsrat
aufgelöst, zwar sind seine ehemaligen Industrieabteilungen zu selbständigen Industrieministerien umgebildet worden 7; die SED-Führung hat jedoch zum Beispiel die Auf5

11

7

Dazu ausführlidt Boris Meissner, »Die große Verwaltungsreform Chrusmtschows«) in: Osteuropa, 13. Jg.,
Heft 2-3 (Februar/März 1963), S. 81 H.
Dagegen setzte in der CSSR die Diskussion über die Umstrukturierung der Parteiorganisation im Rahmen derVeränderungen des Wirtschaftssystems später als in der DDR ein. Vgl. dazu den Artikel des Vizepräsidenten
der Juristischen Fakultät der Universität Bratislava, Jao· Skalond, der unter' dem Titel »Die Partei und die
Theorie des Managements« am 5. August 1965 in der Wochenzeitschrift Predvoj erschienen ist.
Vgl. das Referat von Walter Ulbricht auf der 11. Tagung des Zentralkomitees der SED, »Probleme des Perspektivplanes bis 1970., in: Neues Deutschland vom 18. Dezember 1965, S. 3 H. Allerdings ist nicht jede Abteilung des Volkswirtschaftsrates in einem selbständigen Industrieministerium aufgegangen. Gemäß dem Stand
vom 1. Januar 1963 hatte der VolkswirtSchaftsrat rd. 16 Abteilungen: Energie; Kohle; Schwarzmetallurgie ;

Theoretischer Bezugsrahmen

7

lösung der Ideologischen Kommission, die für die Sowjetunion von der KPdSU im
März 1965 beschlossen worden war, für die DDR erst mit großer Verspätung, Ende
des Jahres 1966, nachvollzogen. Das »neue ökonomische System« wurde in der DDR
eher als in der Sowjetunion proklamiert 8. Diese Beispiele demonstrieren, daß die SEDFührung in den letzten Jahren Züge einel' gewissen Selbständigkeit, was einzelne gesellschaftspolitische und organisatorische Fragen im Innern anbetrifft, gegenüber der Sowjetunion gezeigt hat. Dies wird besonders dann deutlich, wenn das komplementäre
Verhältnis zwischen der Ideologie, den politischen Entscheidungen und den tragenden
Institutionen und Organisationen eines kommunistischen Herrschaftssystems berücksichtigt wird: Veränderungen im Bereich der Institutionen weisen stets auch auf Veränderungen der »politischen Linie« und damit der Ideologie, hier zunächst im weitesten Sinne verstanden, hin.
Mit den Veränderungen im organisatorischen Aufbau der Parteiführung und den in
den letzten Jahren immer deutlicher hervortretenden Differenzierungen im ideologischen Bereich ist, wie bereits angedeutet, ein Wandel in der sozialstrukturellen Zusammensetzung in der Parteispitze sowie unter den SED-Mitgliedern insgesamt einhergegangen, der alle Aufmerksamkeit beanspruchen darf. Wesentlich ist, daß Ulbricht
selbst diesen Wandel auf dem VI. Parteitag mit den Worten: »Die Stunde der jungen Facharbeiter und Ingenieure ist gekommen« und »Es kommt darauf an, daß
die leitenden Parteikader zugleich gute Fachleute sind«, programmatisch zum Ausdruck gebracht hat 9. In solchen Worten spiegelt sich die zentrale Problemstellung der
vorliegenden Studie wider: die Ablösung der älteren Generation der SED-Führungskader durch neue, jüngere Eliten. Die Umschichtung und Ablösung der Generationen
und der manifeste Konflikt von sozialen Leitbildern und Verhaltensmustern gehen,
wie bereits bemerkt, nicht ohne Spannungen vor sich. Dieser Prozeß des Wandels
wird gleichermaßen mitbedingt und immer wieder durchkreuzt von den Änderungen
im Organisationssystem der SED - mitbedingt insofern, als die Parteiführung, im
Anschluß an die von Chruschtschow in der Sowjetunion schon in den Jahren 1956/57
durchgeführten Reformen 10, bereits seit dem Jahre 1958 auf einen Aufbau ihrer
eigenen Organisation, der den Anforderungen industrieller Gesellschaften gerecht
wird, größeren Wert legt und deshalb auf fachlich vorgebildete Parteifunktionäre
NE-Metall industrie und Kali; Gießereien und Schmieden; Staatliche geologische Kommission; Chemie; Schwermaschinenbau ; Allgemeiner Maschinenbau; Elektrotechnik/Elektronik; Werkzeugmaschinen lind Automatisirrung; dem Bereich des Maschinenbaus direkt unterstellte Forschungs- und Entwicklungsstellen; Textil, Bekleidung,
Leder; Holz, Papier, Polygraphie; Glas und Keramik; Lebensmittel. Vgl. Herbert Kusicka und Wolfgang
Leupold, lndustrie/orschung und ökonomie. Zu einigen Problemen der Ökonomie geistig-schöpferischer Arbeit
un.d der materiellen Interessiertheit in Forschung und Entwicklung in der Industrie der DDR, Berlin 1966, S. 39.
Im Anschluß an das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED (Dezember 1965) wurden die neun folgenden Industrieministerien gebildet: Grundstoffindustrie; Erzbergbau und Metallurgie; Chemische Industrie; Elektrotechnik
und Elektronik j Schwermaschinen- und Anlagenbau ; Verarbeitungsmasminen- und fahrzeugbau ; Leichtindustrie;
Bezirksgeleitete und Lebensmittelindustrie; Materialwirtschaft. - Siehe im einzelnen Kapitel II der vorliegenden Studie.
, Auf dem 7. Plenum des Zentralkomitees (2. bis 5. Dezember 1964) verkündete Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Leiter der Ideologischen Kommission beim Politbüro, daß auch die Ideologische Kommission einen
Perspektivplan bis 1970 ausarbeiten würde. Außerdem ist der Machtzuwachs Hagers daran abzulesen, daß ihm
seit diesem Zeitpunkt auch die Aktionen der SED in den Wohn gebieten unterstellt sind. - Zur Aussage über
das »neue ökonomische System. vgl. Kar! C. Thalheim, »Liberalisierungstendenzen im Ostblock?«, in: Der Osten
auf dem Wege zur Marktwirtschaft (Wirtschaft und Gesellschaft in Mitteldeutschland, Bd. 6), Berlin 1967, S. 40 .
• Vgl. Walter Ulbrichts Rede auf dem VI. Parteitag der SED, »Das Programm des Sozialismus und die geschichtliche
Auigabe der SED., in: Protokoll der Verhandlungen des VI. Parteitages der SED. 15. bis 21. Januar 1963 in der
Wcrner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, 4 Bände, Berlin 1963 (im folgenden zitiert: Protokoll . .. VI. Parteitag),
I, S. 207.
1\1 Vgl. dazu für die Sowjetunion Boris Meissner, Rußland unter Chruschtschow (Forschungsinstitut der Deutschen
Gesellschaft für Auswärtige Politik. Dokumente und Berichte, Bd. 15), München 1960, S. 198 H.

8

I. Kapitel

in hohem Maße angewiesen ist. Er wird durchkreuzt insofern, als die Parteiführung
auch immaneme Zwänge der Parteiorganisation, soweit sie der Eigendynamik einer
Industriegesellschaft entgegenstehen und ein Eigengewicht besitzen, berücksichtigen
muß. Die immanenten Zwänge sind im wesentlichen durch zwei Merkmale zu kennzeichnen: einmal durch den tradierten Aufbau des Parteiapparates selbst, der bis
1963 ganz überwiegend auf die politische Kontrolle der Gesellschaft, nicht dagegen auf
ihre Funktionsstärkung angelegt war, zum anderen durch die tradierten Verhaltensmuster der Altfunktionäre, welche die Macht der Partei bislang, besonders in den
Jahren 1945 bis 1963, »an der Basis« der Gesellschaft gesimert und verwaltet
haben 11.
Für eine komplexe soziologische Analyse kristallisiert sich eine vielfältige Interdependenz von Veränderungen im organisatorischen Bereich, dem Wandel der Sozialstruktur in den Spitzenpositionen des Parteiapparates, und von Differenzierungen des
»ideologischen Feldes« heraus. Am Beispiel der Ideologie mag das Phänomen
einer in den letzten Jahren immer sichtbarer gewordenen Umfunktionalisierung noch
einmal von einem anderen Blickpunkt her verdeutlicht werden. Umfunktionalisierung
heißt durchaus nicht notwendig Zerfall des Lehrgutes des Marxismus-Leninismus.
Dialektischer und historischer Materialismus, politische ökonomie und wissenschaftlicher Sozialismus sind in zunehmendem Maße einem Positivierungsprozeß unterworfen. Einmal sind zahlreiche Denkelemente, Begriffe und Kategorien aus der modernen Erkenntnistheorie und Logik, den Naturwissenschaften, der Kybernetik und
nicht zuletzt der Soziologie in das ideologische System aufgenommen worden. Zum
anderen ist es ein Kennzeichen des Positivierungsprozesses, daß zahlreiche wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch relevante Fakten in ihrer Faktizität in das Dogma zwar
hineingezogen, jedoch nicht mehr ideologisch ein- oder gar aufgearbeitet werden.
Schließlich kann es als ein Kennzeichen dieses Prozesses gewertet werden, daß der
Bereich der »operativen« Ideologie - für die Initiierung und Steuerung aktueller
Kampagnen der Parteiführung - sich sowohl erweitert als auch vom ideologischen
Kerndogma abrückt. Der Positivierungsprozeß verschärft damit die Aufspaltung
der Ideologie, wenn er auch auf deren verschiedenen Ebenen und Feldern nicht gleichlaufend voranschreitet. Die Frage stellt sich, ob die fehlende Gleichläufigkeit der Transformation des ideologischen Lehrgutes seinen Zerfall begünstigt und/oder eine Form
der Anpassung der Träger dieses Dogmas an die von ihnen beherrschte Gesellschaft
eher ermöglicht und damit die Kontrollmöglichkeiten potentiell vergrößert. Da im
Selbstverständnis der Führungsgruppen der SED Geschlossenheit der Ideologie und
Stabilität der Macht ineinsgesetzt werden, wäre die Umstrukturierung des Dogmas in
der Selbstdeutung der Partei mit einer Schwächung der Machtsicherung verbunden.
Andererseits gibt die fehlende Gleichläufigkeit bei der Umfunktionalisierung des
Kerndogmas beziehungsweise bei der Transformation dogmatisch verankerter Sätze in
den operativen ideologischen Bereich den Parteiideologen die Möglichkeit, die notwendige Anpassung an Verhaltensweisen und Normen anderer gesellschaftlicher Gruppen zu steuern. In dem Maße, in dem Normen und Leitbilder sozialer Gruppen und
Schichten im Prozeß der skizzierten Transformation in das ideologische System· eindringen, kann, darÜber hinausgehend, von einer wechselseitigen Anpassung von Partei
und Gesellschaft und im Ergebnis dieses Prozesses von einer wenigstens partiellen
Interessenidentität bei der gesprochen werden.

11

Im einzelnen dazu bis zu den Jahren 1956/57 Carola Stern, POTträt einer bolschewistischen Partei. Entwicklung,
Funktion und Situation der SED, Köln 1957, S. 284 f.; bis Zum Jahre 1963: Rimert (Anm. 112), Kapitel H,
S. 24 H.

TheoretIscher Bezugsrahmen

9

Erste Abgrenzungen
Eine erste Darlegung der Problemstellung dieser Studie kann auf einIge Abgrenzungen nicht verzichten. Sie sind zu differenzieren in solche, die der Präzision des gewählten Gegenstandes dienen, und in solche, die Probleme der Materiallage, der ausgewählten Zeitpunkte, der herangezogenen Methoden und Verfahrenstechniken erörtern. In
diese zweite Gruppe gehören auch einige Bemerkungen zur verwandten Terminologie.
Auf sie wird in den einzelnen Kapiteln näher eingegangen werden. Hier werden zunächst nur Abgrenzungen der erstgenannten Art gegeben. Obwohl in einigen Fällen
auf parteigeschichtliche Daten zurückgegriffen werden muß, handelt es sich im vorliegenden Zusammenhang nicht um eine Geschichte der SED, wie sie Carola Stern für
die Jahre 1946 bis 1957 vorgelegt hat 12. Weiterhin ist der Einfluß außenpolitischer Faktoren, vor allem das Einwirken der KPdSU auf die SED, nicht systematisch
analysiert worden. Zwar soll im folgenden eine politisch-soziologische Analyse von
Herrschaft und Gesellschaft in der DDR gegeben werden - jedoch nur über die Darstellung von Teilausschnitten des Systems und von einem begrenzten Zeitraum. Eine
Gesamtanalyse über weite Zeitspannen, wie sie etwa Ernst Richert und Dietrich Storbeck durchgeführt haben, ist mit der vorliegenden Studie also nicht beabsichtigt 13.
Obschon die folgende Analyse wiederholt auf Probleme der Interaktions-, Informations- und Kommunikationsbeziehungen im SED-Parteiapparat stößt, kann sie
den Strom der Informationen in der Parteiorgan isa ti on nicht präzise nachzeichnen.
Die Kenntnisse im Westen reichen bisher nicht hin, dieses Phänomen wirklich zu erhellen. Dies ist um so bedauerlicher, als damit auch der eigentliche politische Entscheidungsprozeß - ein Problem, das gegenwärtig nicht nur die politische Wissenschaft,
die Soziologie und die Nationalökonomie, sondern auch die Sowjetologie in zunehmendem Maße beschäftigt 14 - für die SED-Führungsgremien noch nicht transparent
gemacht werden kann. Eine theoretische Analyse von Entscheidungsprozessen in politischen und sozialen Organisationen setzt eine genaue Beschreibung der Funktionsbereiche in diesen Gebilden voraus 15. Eine solche Untersuchung der dem politischen
Entscheidungsprozeß zugrunde liegenden Positionen und Funktionen des Herrschaftssystems der SED ist jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ebenfalls noch kaum zu
leisten.
Das Ziel der Arbeit ist es vielmehr, den behaupteten Wandlungsprozeß mit dem
theoretischen Bezugsrahmen zu verbinden und an ausgewählten, empirischen Materialien nachzuweisen. Zunächst werden deshalb einige seit dem VI. Parteitag der SED
sich abzeichnende organisatorische Veränderungen im SED-Parteiapparat verfolgt und
"Stern, a.a.O. Vgl. auch u. Anm. lI/I.
13 Richert (Anm. 112); Ernst Richen, Das zweite Deutschland. Ein Staat, der nicht sein darf, Gütersloh 1964; Dietrich
Storbeck, Soziale Strukturen in Mitteldeutschland. Eine sozial-statistische Bevölkerungsanalyse im gesamtdeutschen Vergleich (Wirtschaft und Gesellschaft in Mitteldeutschland, Bd. 4), Berlin 1964.
U VgI. für die politische Wissenschaft etwa Robert A. Dahl, Who Governs? Dcmocracy and Power in an American
City (Yale Studies in Political Sciena, Bd. 4), New Haven-London 1962; für die politische Soziologie: Seymour
M. Lipsct, Martin A. Trow, James S. Coleman, Union Dcmocracy. Thc Internat Politics of the International
Typographical Union, Glencoe 1956; für die Nationalökonomie: Gerard Gäfgen, Theorie der wirtschaftlichen
Entscheidung. Untersuchungen zur Logik und ökonomisch", Bedeutung des rationalen Handeins, Tübingen 1963;
für die Entscheidungsrheorie: David Braybrooke und eharles E. LindbIom, A Strategy of Decision. Policy
Evaluation As a Social Process, Glencoe-London 1963; für die Sowjetologie: Arthur K. Adams, .The Hybrid
Art of Sovietology., in: Survcy, Jg. 1964, Heft 50, S. 154 H.
1:1 Eine solche Analyse der einzelnen dem politischen Entsmeidungsprozeß zugrunde liegenden Positionen und
Funktionen im Herrschaftssystem der SED ist jedoch nicht Gegenstand dieser Studie. In erster Linie sei der
Leser auf Richert, Macht ohne Mandat (Anm. 1/2), passim, sowie auf Siegfried Mampel, Die Verfassung der
Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Text und Kommentar, 2., erw. Auf!., Frankfurt/Main~Berlin 1966,
passim. verwiesen.

10

I. Kapitel

mit den entsprechenden Organisationsstrukturen dieser Partei vor dem Jahr 1963 verglichen (11. Kapitel). Darüber hinaus sind die Mitglieder der SED-Führungsgremien
nach einer Anzahl von Merkmalen »befragt« worden, um ein erstes empirisch gewonnenes Bild vom Wandel im sozialstrukturellen Bereich der Parteiführung zu erhalten
(lU. Kapitel). Das Bild der Parteielite, das die vorliegende Studie zu entwerfen versucht, kann kein fotografisch gen au es Abbild der SED als Gesamtpartei sein. Andererseits mögen die Prozesse des Wandels in den Führungsgremien der SED dennoch einen
Einblick in die Situation der SED wie der DDR-Gesellschaft als Ganzes vermitteln.
Die Darstellung der Erscheinungen des Wandels in der Organisationsstruktur und in
der sozialstrukturellen Zusammensetzung der SED wird durch Analysen ergänzt, die
den Wandel im ideologischen Raum zu erfassen suchen (IV. Kapitel). Die Frage stellt
sich, ob und in welchem Maße Verschiebungen im organisatorischen Bereich im Selbstverständnis der Parteiideologen einen Niederschlag finden. Dies festzustellen, kann
jedoch, der Anlage dieser Untersuchung gemäß, nicht bedeuten, die verschiedenen
Ausprägungen des historischen und dialektischen Materialismus in der DDR zu beschreiben oder gar historische Erörterungen zum Ideologieproblem anzustellen. Die
Systematisierung, Hierarchisierung und Differenzierung des Lehrgutes des MarxismusLeninismus in der Sowjetunion und die Verquickung polyzentrischer mit revisionistischen, also ideologischen Sonderentwicklungen in einzelnen Ostblockländern haben
seit de'm XX. Parteitag der KPdSU solche Ausmaße angenommen, daß, sie auch
nur immanent nachzuzeichnen, die Möglichkeiten einer einzelnen Untersuchung überstiege.
Obwohl damit versucht wird, Prc;zesse des gesellschaftlichen Wandels auf verschiedenen Ebenen zu beschreiben und einander zuzuordnen, scheinen weitergehende theoretische Aussagen über den Wandel von Teilstrukturen dieser Gesellschaft bisher ebensowenig möglich zu sein wie die exakte Analyse dieser Teilstrukturen. Eine Darstellung des gesamtgesellschaftlichen Wandels wurde deshalb nicht angestrebt. Es konnten
lediglich gesamtgesellschaftlich relevante Veränderungen innerhalb einzelner, präzise
bestimmter Teilstrukturen herausgearbeitet werden. Dabei wurde ein überschaubarer
Zeitraum, die Jahre 1954 bis 1965/66, zugrunde gelegt 16. Spezielle Fragen werden
bis zum VII. Parteitag (April 1967) weiterverfolgt.
2. Metatheoretische Vor/ragen

Jede systematisch-empirische Untersuchung der Sozialstruktur der Sowjetunion, der
osteuropäischen Länder und der DDR hat sich nicht nur ihres Gegenstandes und der
methodischen Instrumente, die sie verwendet, zu versichern; sie sollte darüber hinaus
einige meta theoretische überlegungen anstellen. Solche Reflexionen dringen in das in
den Sozialwissenschaften heute verworrene und unübersichtliche Reich wissenschaftstheoretischer Grundentscheidungen, in die Probleme der Theorie-, Modell- und Begriffsbildung ein; sie werden sichtlich dadurch zusätzlich kompliziert, daß die aktuell
politische Dimension, mit der jede Analyse im Bereich der Sowjetforschung konfrontiert ist, stets mitberücksichtigt werden muß. Jedoch sind solche Reflexionen notwendig, weil nur sie jenes Maß an Problembewußtsein gewährleisten, das der Deskrip16

Obwohl somit versucht wird. Prozesse des gesellschaftlichen Wandels gleichsam auf verschiedenen Ebenen zu
beschreiben, scheinen weitergehende theoretische Aussagen über den Wandel von Teilstrukturen der DDR-Gesellschaft gegenwärtig noch nicht möglich zu sein. Eine Definition des sozialen Wandels liegt damit außerhalb des
Horizonts der vorliegenden Studie. -Zur Aufarbeitung verschiedener Fragestellungen und Probleme, die sich bei
der Erarbeitung einer Theorie des sozialen Wandels heute stellen, sei an dieser Stelle auf Wilbert E. Moore,
Social Change, Englewood Cliffs (N. J.) 1963, hingewiesen.

Theoretiscber Bezugsrahmen

11

tion den Weg zur Analyse eröffnet. Eine empirisch-systematische Studie, die bestimmte
Felder eines kommunistisch verwalteten Herrschafts- und Gesellschaftssystems zu
erforschen sucht, hat sich vorab besonders mit jenen drei metatheoretischen Problemen
auseinanderzusetzen, die gegenwärtig die soziologische und politikwissenschaftliche
Diskussion im Rahmen der Sowjetforschung beherrschen. Es handelt sich um die Problemstellungen, die mit den Stichworten »Totalitarismus« und »Positivismusvorwurf«
zu kennzeichnen sind, sowie um die Frage nach der spezifisch empirischen Qualität von
politischen und sozialen Tatsachen in bolschewistischen Gesellschaftssystemen, wie sie
vom Westen her zu erfassen sind.
Totalitarismus

An kaum einem Begriff scheiden sich die Geister in der Sowjetforschung noch immer
mit solcher Eindeutigkeit wie an dem des Totalitarismus. Denn an Konzeption und
Begriff des Totalitarismus sind zwei Charakteristika fast aller soziologisch-politikwissenschaftlichen Forschungsgegenstände in kommunistisch regierten Ländern, der
politisch-aktuelle, damit wertgeladene und »engagierte« einerseits und der gegenständlich-»objektive« und damit »distanzierte« andererseits, eine fast untrennbare Verbindung eingegangen.
Die Totalitarismusforschung, ob sie sich mit dem Nationalsozialismus und Faschismus
oder ob sie sich mit dem Kommunismus und seinen politisch-sozialen Erscheinungsformen befaßt, kann an der Tatsache, daß es sich bei ihren Gegenständen immer auch
um politische Phänomene handelt, nicht vorbeisehen. In der Tat sind totalitäre Herrschaftssysteme wie alle politischen Systeme gleichermaßen stets Wertsysteme, die den
Forscher vor wertgeladene Entscheidungen stellen. Die Erkenntnis des stets auch politisch-aktuellen Charakters im Grunde jedes empirisch erfahrbaren Gegenstandes in
einem bolschewistischen Gesellschaftssystem scheint jedoch weder mit wissenschaftlich
begründeten noch gar unbegründeten Werturteilen unbeschadet überdeckt werden zu
können. Dafür bietet besonders die Totalitarismusforschung der frühen fünfziger Jahre
vielfältige Beispiele. Die Tatsache, daß es sich bei kommunistisch verwalteten Gesellschaftssystemen einmal um - dem Anspruch der Partei führungen nach - durchpolitisierte, zum anderen, vom Westen her gesehen, um »feindliche«, die Existenz parlamentarisch-demokratisch verfaßter Systeme bedrohende Gebilde handelt 17, hat in
Arbeiten aus dem Westen konsequenterweise häufig zur Legitimation einer unkritisch
eingeführten Wertung gedient. Zu oft hat, gerade in der DDR-Forschung, die Verquickung von persönlichem Engagement, unkritischer, bestenfalls noch idealtypischer
Verklärung bestehender parlamentarisch-demokratisch verfagter Systeme und sachbezogener Analyse auch wertvolle Arbeiten in ein dubioses Licht gerückt 18. Falls
Konzeption und Begriff des Totalitarismus, wie Hans-Joachim Lieber meint 19, eine
11

18

11

Der .Abwehr-Effekt. hat in der Totalitarismusdiskussion jahrzehntelang, wahrscheinlich bis zu jener Entwiddung
in der Sowjetunioo, 'die durch die Chruschtschowsmen Reformen vom November 1962 gekennzeichnet ist, eine
wesentliche Rolle gespielt. Dazu Otto Stammer, »Aspekte der Totalitarismusforschung«, in: ders., Politische
Soziologie und Demokratie/orschung. Ausgewählte Reden und Au/sätze zur Soziologie und Politik, aus Anlaß
seines 65. Geburtstages hrsgg. von Mitarbeitern und Schülern, Berlin 1965, S. 259 ff.
Dies gilt etwa für die schon zitierte Arbeit von Siegfried Mampel (Anm. 1/15), sowie für Karl Valentin Müller,
Die Manager in der Sowjetzone. Eine empirische Untersuchung zur Soziologie der wirtschaftlichen und militärischen Führungsschicht in Mitteldeutschland (Schriftemeihe des Instituts für empirische Soziologie, Bd. 2), KölnOpladen 1962. Mampel arbeitet mit einem unkritisch verabsolutierten Freiheitsbegriff, während Müllers schichtenspezifische Begabungstheorie seine Analyse verzerrt.
Hans-Joachim Lieber, Aspekte totalitären Denkens (Festvortrag zur feierlichen Eröffnung des 13. Konvents der
Freien Universität Bcr/in am 13. Februar 1962), hrsgg. vom Allgemeinen Studentenaussmuß der Freien Universität
Berlin, Berlin 1962, S. 6 H.

12

I. Kapitel

erkenntnisaufschließende Funktion auch für das Gegenbild einer kommunistisch verwalteten Gesellschaft besitzen, dann sicherlich eher im kritisch-reflektierten als im
positiv-apologetischen Sinne.
Da in Konzeption und Begriff des Totalitarismus der Modus der Wertung und die
erkenntnisaufschließende Funktion fast untrennbar miteinander verschmolzen sind, ist
eine theoretisch-empirische Analyse, die unkritisch mit dem Totalitarismusbegriff arbeitet, abzulehnen. Die Schwäche der Totalitarismuskonzeption wird dadurch, daß sie mit
einem idealtypisch im Sinne Max Webers konzipierten Begriff arbeitet, an dem dann
jeweils konkrete Abweichungen »gemessen« werden sollen, noch verstärkt. Denn ein
Idealtypus kann einer empirischen Kontrolle im strengen Sinne nicht unterzogen werden 20. Einer mit kontrollierbaren Hypothesen und Methoden positiv arbeitenden
Forschung, die im Schatten einer solchen idealtypischen Konzeption steht, sind apriori
Hindernisse in den Weg gelegt. Diese Hindernisse bestanden allerdings für die herkömmliche Totalitarismusforschung nicht in dem Maße, da sie weniger empirisch orientiert gewesen ist. Die Gründe für diese Orientierung sind vielfältiger Natur. Das Fehlen empirischen Materials mag hier ebenso angeführt werden wie die geistige Haltung
der häufig aus Europa emigrierten Wissenschaftler, die sich zunächst der ideologischen
Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus zugewandt haben; der allgemeine Entwicklungsgang der Sozialwissenschaften ist ebenso zu berücksichtigen wie die in den
vierziger und fünfziger Jahren noch kaum bestehende Verbindung zwischen Soziologie,
politischer Wissenschaft und Totalitarismusforschung.
In der vorliegenden Arbeit soll auf Grund dieser überlegungen das Totalitarismuskonzept nicht als leitend in den theoretischen Ansatz übernommen werden 21. Auch
der zu einem früheren Zeitpunkt vom Verfasser selbst verwandte Begriff »totalitär
verfaßte Gesellschaft« 22 scheint für die Durchführung der vorliegenden Studie nur
noch insofern fruchtbar zu sein, als jene Form autoritärer Herrschaft, wie sie gegenwärtig in der DDR zu beobachten ist, aus einer historisch-politischen Situation hervorgegangen ist, die in der Literatur im allgemeinen als totalitär bezeichnet wird. Die
Ausklammerung des Totalitarismuskonzepts in der vorliegenden Arbeit liegt im einzelnen darin begründet, daß einmal eine empirische, organisations-, eliten theoretisch und
ideologiekritisch orientierte Analyse einer solchen normativen» Theorie« nicht bedarf.
Die vorliegende Arbeit will nicht werten, anklagen und vorschnelle Schlüsse ziehen,
sondern analysieren und empirische Ergebnisse systematisch erfassen. Sie bezweckt auch
keinen wertenden Vergleich der Systeme in Ost und West im Hinblick auf die in ihren
Verfassungen, Herrschaftsstrukturen und Gesellschaftsordnungen enthaltenen Leitbilder und Normen, sondern sie beabsichtigt, sozio-politische Strukturen jenseits dieser
Werte zu erfassen, das heißt zunächst einmal zu beschreiben und theoretisch zu verarbeiten. Der Verzicht auf das Totalitarismuskonzept ist zum anderen darauf zurückzuführen, daß die Zielsetzungen der SED-Führung sich seit dem Jahre 1963 selbst
verändert haben. Die Zielsetzungen sind differenzierter geworden. Von "der« Ideologie der Parteiführung kann deshalb kaum noch sinnvoll gesprochen werden. Der Verzicht auf das Totalitarismuskonzept bietet darüber hinaus, so scheint es, für diese
Studie zwei Vorzüge: Einmal wird bei einem solchen Vorgehen der Blick dafür, wie
die DDR-Gesellschaft in ihrer realen sozio-ökonomischen Struktur, wie die Normen,
Leitbilder und Verhaltensweisen, die Muster von Mobilität und Fluktuation, wie die
politischen Entscheidungsprozesse tatsächlich beschaffen sind, nicht apriori eingeengt.
" VgJ. dazu jetzt Judith Janoska-Bendl, Methodologische Aspekte des Idealtypus. Max Weber und die Soziologie
der Geschichte (Soziologische Schriften, Bd. 3), Berlin 1965, S. 76 H.
21 Zum Verzicht auf das Totalitarismuskonzept tendiert auch Alfred G. Meyer, The Soviet Political System. An
Interpretation, New York 1965, S. 470; vgJ. auch 5.298.
" Ludz (Anm. 1/3).

Theoretischer Bezugsrahmen

13

Das Gewicht wird damit überhaupt weniger auf die ideologisch-politischen Zielsetzungen
der SED-Führung und mehr auf sich wandelnde soziale Formationen gelegt. Eine derart konzipierte sozialwissenschaftliche Analyse kann sich ohne Verzerrung des Blicks
näher an die realen gesellschaftlichen Befunde herantasten. Andererseits ist es durchaus möglich, dem nicht aufgegebenen Anspruch kommunistischer Parteiführungen, im
vorliegenden Fall des SED-Politbüros, ein umfassendes bürokratisches System, jedoch
auch ideologische Stereotype, Soll-Ansprüche und Leitbilder, unter gewandelten Bedingungen aufrechtzuerhalten, analytisch Rechnung zu tragen. An diesem Anspruch und
Programm sind Konzeption und Begriff des Totalitarismus bisher - allerdings an ihm
allein - häufig orientiert worden 23.
Ohne noch einmal Hauptaspekte der Diskussion um Begriff und Konzeption des Totalitarismus zu erörtern, sei im folgenden zum Abschluß dieses Gedankens der gegenwärtige Stand der Forschung in aller Kürze resümiert. Von zahlreichen Autoren, etwa
von Carl Joachim Friedrich, William Kornhauser, Richard Löwenthai, Boris Meissner, Alfred G. Meyer, wird ein bolschewistisches System, im konkreten Fall häufig die
Sowjetunion, als »totalitär« bezeichnet, weil bestimmte Merkmale des Herrschaftsapparates vor allem die durch die Gewaltenteilung und Garantie von Freiheit und
Recht der Persönlichkeit und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bedingten Einschränkungen beziehungsweise Kontrollmöglichkeiten der politischen Herrschaft, die in einem
parlamentarisch-demokratisch verfaßten System gegeben sind, ausschließen. Hans Kelsen spricht in diesem Zusammenhang vom »extremen Etatismus« bolschewistischer
Herrschaftsordnungen 24. Carl Joachim Friedrich hat mit der Aufzählung von sechs
typischen Merkmalen eines totalitären Herrschaftssystems diesen extremen Etatismus
strukturell aufzugliedern versucht. Seine seither oftmals in der Literatur behandelten,
typologisch aus den bisher in Erscheinung getretenen Herrschaftssystemen gewonnenen
Merkmale totalitärer Herrschaft lassen sich in aller Kürze wie folgt zusammenfassen:
die Ideologie, die Einheitspartei, die terroristische Geheimpolizei, das Nachrichtenund Waffenmonopol der Partei und die Zentralverwaltungswirtschaft 25. Alfred G.
Meyer legt in seiner neuesten Darstellung des politischen Systems der Sowjetunion
den Hauptakzent auf die zentralisierte Kontrolle aller Bereiche von Wirtschaft und
Gesellschaft durch die Partei sowie, im Sinne Martin Draths, auf den Versuch dieser
Partei, alle menschlichen Beziehungen zu organisieren und zu politisieren, um ein neues
Wertsystem durchzusetzen. Die Bürokratisierung des sowjetischen Herrschaftssystems
stellt für Meyer deshalb den eigentlichen Kern bolschewistischer Herrschaft dar 26.
Ahnlich argumentiert auch William Kornhauser, wenn er die »totalitäre Gesellschaft«
von der »Massengesellschaft« unterscheidet. Auch für ihn steht, wenn er die Strukturmerkmale der totalitären Gesellschaft herauszuarbeiten sucht, die »totale Kontrolle«
im Vordergrund 27. »Totale« beziehungsweise »totalitäre Kontrolle« ist dem intendierten Sinn nach eng verbunden mit der Steuerung der Gesellschaft durch eine »permanente Revolution von oben«.
Diese Hinweise demonstrieren, daß die soziologische und politikwissenschaftliche Theorie und die sehr viel sachgebundenere Beschreibung totalitäter Gesellschaft bei der Bestimmung der konstitutiven Merkmale totalitärer Systeme ähnliche Kriterien verwenden. Während Richard Löwenthai vor allem die »permanente Revolution von oben«,
also die planmäßig gesteuerte Umformung der Gesellschaft durch die Parteispitze, als
" Vgl. etwa Drath (Anm. 1/2).
" Hans Kelsen, The Political Theory 0/ Bolsh.,'ism. A Critical Analysis, 3. Aufl., Berkeley-Los Angeles 1955, S. 6.
"earl Joachim Friedrich, Totalitäre Diktatur. Stuttgart 1957, S. 19 f.
.. Meyer (Anm. 1/21), S. 470 f.
" William Kornhauser, The Politics 0/ Mass Society, Glencoe (111.) 1959, S. 67; S. 180. Kornhauser hebt als zweites
Merkmal totalitärer Gesellschaft deren »totale Mobilisierung« hervor. Vgl. ferner S. 62.

14

I. Kapitel

real politisches Merkmal totalitärer Herrschaft begreift 28, sieht Boris Meissner drei
Elemente als konstitutiv für totalitäre Herrschaft an: »... erstens die permanente Diktatur, die unter Stalin den Charakter einer persönlichen Autokratie besaß; zweitens
eine totale Kontrolle, die auf einer terroristischen Grundlage beruhte; drittens eine auf
den sozialen Strukturwandel >von oben< gerichtete Planung.« 29
In Fortführung der Auseinandersetzung mit diesen Lehrmeinungen, die der Verfasser
bereits an verschiedenen Stellen vorlegen konnte 30, soll in diesem Zusammenhang nur
darauf hingewiesen werden, daß der von der Parteiführung in erheblichem Ausmaß
initiierte soziale Wandel selbst im engsten Bereich der Parteiführungsgruppen bereits
eine Eigendynamik entwickelt hat. Diese Eigendynamik ist gewiß nicht so stark, daß
sie das von der Einheitspartei kontrollierte Herrschaftssystem als solches ihrer Kontrolle entreißen könnte. Sie hat jedoch andererseits Erscheinungen hervorgebracht, die
faktisch eine Einschränkung der Kontrolle und damit der politischen Macht dieser
Monopolpartei bewirken.
Einer empirisch-systematischen Analyse, die nicht nur einen Katalog der Strukturen
und Formen des Zwangs aufzeichnet, stellt sich zunächst nicht das Problem: hier Terror, totale Kontrolle und totale Planung »von oben« - dort das Fehlen dieses Zwanges. Eine empirisch-systematische Untersuchung, die von klar formulierten Hypothesen ausgeht, hat vielmehr durch die Bestimmung der Sicherungsgrenze der Macht der
Partei und durch den Rekurs auf die Funktionstüchtigkeit des Gesellschaftssystems in
jene Dimensionen zwischen totalem Zwang und idealtypisch konzipierter Freiheit hineinzustoßen, die gegenwärtig die Wirklichkeit dieser Systeme auszumachen scheinen.
Im Anschluß an diese überlegungen ist das von Meissner, LöwenthaI u. a. formulierte
Konzept wie folgt auf die DDR zu übertragen und zu präzisieren: Die totale, auf Terror beruhende Herrschaft durch die SED-Führung ist in weiten Bereichen dem Gebot,
quasi-pluralistische Kräfte immer wieder ausbalancieren zu müssen, gewichen. Die
»permanente Revolution von oben«, der zentral manipulierte Wandel der Sozialstruktur, hat in der SED selbst, in ihren politischen Zentren, dem Politbüro, dem ZK-Sekretariat und dem Zentralkomitee, eine Eigendynamik der sozialstrukturellen Entwicklung hervorgerufen. Diese Eigendynamik führt tendenziell von der totalitären Herrschaft zu einer Form der Herrschaft, die durch die zentrale Steuerung des sozialen
Wandels charakterisiert ist. »Zentrale Steuerung« oder auch »Regelung«, wie es neuerdings in Anlehnung an die kybernetische Terminologie häufig heißt, kann in diesem Zusammenhang als das vielleicht entscheidende Merkmal autoritärer Herrschaft bestimmt
werden. Verschiedene Kräfte haben damit zum Wandel des Systems, zu seiner Aufhebung jedoch nur in dem Sinne beigetragen, als »jedes Sowjetsystem sich durch seinen
Erfolg schließlich selbst zerstört« (A. G. Meyer).

!,II

!t

30

Richard Loewenthal, »5talins Vermächtnis. Zur Interpretation seiner letzten Schrift .. , in: Der J/OTlllt, 5. Jg ..
Heft 55 (April 1953), S. 16 H.; ders., "Totalit:ire und demokratische Revolution., in: Der Monat, 13. Jg.,
Helt 146 (November 1960), S. 29 H.
Boris Meissncr, »Wandlungen im Herrschaftssystem und Verfassungsrcdtt der Sowjetunion«, in: Bild11z der Ara
Chruschtschow, hngg. von Erik Bocrtchcr, Hans-Joachim Lieber, Boris Meissncr, Stuttgart-Berlin~Köln~Mainz
1966, S. 142.
Petcr Christian Ludz, »Totalitarismus oder Totalit:ir? Zur Erfof5chung bolschewistischer Geselischafts- und Herr-

schaftssysreme", in: Soziale Welt, 12. Jg. (1961), Heft 2, S. 129 H.; ders., .Offene fragen in der TotalitarismusForschung_, in: Politische Vierteljahresschrift, 2. Jg. (1961), Heft 4, S. 319 ff.; ferner die schon erwähnte Einleitung »Entwurf einer soziologismen Theorie totalitär verfaßter Gesellschaft« (Anm. 1/3).

15

Theoretischer Bezugsrahmen

Zur Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit empirisch-soziologischer Analysen
in kommunistisch verwalteten Gesellscha/tssystemen
Das zweite und für eine systematisch-empirisch orientierte Analyse vieIIeicht am
schwersten wiegende Problem ist - jenseits der eigentlichen Totalitarismusproblematik - dadurch charakterisiert, daß empirische Erhebungen (Interviews, schriftliche
Befragungen usw.) von westlicher Seite in den Ländern des Ostblocks nicht durchzuführen sind. Deshalb ist die wissenschaftliche Aussagekraft von Untersuchungen, die
sich auf Probleme von Herrschaft und GeseIIschaft in diesen Systemen beziehen, a
priori begrenzt. Entsprechend wird vor aIIem von empirischen Soziologen argumentiert, selbst die gegenwärtig zur Verfügung stehenden QueIIen, etwa Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, ProtokoIIe und Reden, Entschließungen von Organen der Partei, des
Staats- und Wirtschaftsapparates sowie der Massenorganisationen, schließlich die
Selbstdeutungen in ideologischen Termini, seien zwar für den Zeitgeschichtler relevant,
ersetzten jedoch keineswegs methodisch abgesicherte Erhebungen und Beobachtungen.
Die vorhandenen Quellen seitll für die Sozialwissenschaft nicht als primäre, sondern
lediglich als abgeleitete Daten mit entsprechend dubiosem Aussagewert anzusehen. Der
Vorwurf der wissenschaftlichen Unfruchtbarkeit oder doch Begrenztheit von Untersuchungen in den Ländern des Ostblocks, wie er von der empirischen Sozialforschung
erhoben wird 31, wiegt sicherlich schwer. Er ist auch nicht dadurch leichter zu nehmen,
daß die wissenschaftstheoretischen Grundaxiome dieses empirischen beziehungsweise
behavioristischen Standpunktes selbst relativ leicht enthüIIbar sind.
Für die sozialwissenschaftliche Sowjetforschung ist der Bezug auf Tatbestände, auf
eingrenzbare und im Rahmen des Möglichen kontroIIierbare Daten geboten. Dabei
spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um biographische Daten der Parteielite, um
Angaben über Organisationen und Institutionen oder um Sektoren eines ideologischen
Feldes handelt. Besonders Teile des organisationssoziologischen Abschnitts der vorliegenden Analyse sowie die sozialstatistischen Untersuchungen demonstrieren, daß heute
mit empirischen Methoden relativ große Teile eines bolschewistischen Herrschafts- und
GeseIIschaftssystems aufgeschlossen werden können. So sind sogar Erscheinungen des
sozialen Wandels zwischen zwei oder mehreren gewählten Zeitpunkten im Zeitverlauf
komparativ-statisch zu erfassen.
Wie der Verfasser bereits an anderer Stelle betont hat 32, steht der Analyse eines
Sowjetsystems noch eine andere, im weiteren Sinne empirische Dimension offen. Es sei
an die entscheidende Bedeutung des schriftlich Fixierten oder der Kodifikation für
solche Gesellschaftssysteme erinnert. Die Kodifikationen unterscheiden sich insofern
vom schriftlich Fixierten in parlamentarisch-demokratisch regierten GeseIIschaften,
als sie für die Analyse des politischen Systems einen bedeutenderen Stellenwert
besitzen. Bereits die politischen Geheimbünde des 18. und frühen 19. Jahrhunderts
in Deutschland, Italien und Frankreich, die revolutionären Gruppen unter Nikolaus 1.,
die Narodniki, bis hin zu den Gründern der SDAPR haben stets mit Hilfe eines ideologisch-utopischen Programms versucht, ein geschlossenes Bild der Selbst- und Weltdeutung zu schaffen sowie eine in einer bestimmten Sprache formulierte Anweisung zum
Handeln zu geben. Im vorliegenden Zusammenhang können die Protokolle der Parteitage und Parteikonferenzen, die Reden und Diskussionsbeiträge auf Plenen und Wirtschaftskonferenzen des Zentralkomitees, die Rechtfertigungen der einmal von der Parteiführung getroffenen Entscheidungen als Versuche der Selbst-, Gesellschafts- und
Weltdeutung einer aus den politischen Geheimbünden des 18. und 19. Jahrhunderts
SI

Vgl. etwa Renate Mayntz, Besprechung von Max GuS[av Lange, Wissenschaft im totalitären Staat (Stuttgart-

DüsselJorf 1956), in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 8.
" Ludz, .Entwurf ... < (Anm. I13), S. 22 H.

Jg.

(1956), Heft 3, S. 519.

16

I. Kapitel

hervorgegangenen teilmarginalen Organisation begriffen werden. Die Protokolle der
Parteitage, Partei konferenzen usw. der SED sind eine wesentliche historisch-empirische
Quelle, um etwa den Grad der Marginalität der SED gegenüber der DDR-Gesellschaft
im Zeitverlauf festzustellen. So vermittelt der system